Chartres

Das Licht aus blauer Tiefe
gehet sanfter hier und anders auch, als über Dinge hin,
die sich verbrauchen und nur irdisch sind.
Erfüllung liegt in einer Ordnung Maß,
das sich aus heiligem Willen baute
und seine Proportion aus reinster Harmonie gewinnt.


Erhabenheit, gestellt ins Wirkliche,
die in der Formen Klarheit ruht,
ist wie ein Anvertrautes,
das aus ewigem Gesichte in Weisheit eingegangen ist,
die in sich aufgenommen hat der Menschen Wankelmut.


Ins Innere steigen der Skulpturen Blick und Gesten,
die durch die Zeiten greifen,
als neigten sie aus Gottes Fülle,
aus Worten, die nur stumm gesprochen,
Geheimnisvolles, das übersteht und wiederholt
in ewigem Reifen,
als käme es aus Träumen,
die überwinden und an Herzen pochen.


Schwingung des göttlichen Lichtes,
verwandelt zu weiterwirkender Kraft,
die Reinstes durch Menschenhände erschuf
aus Geist, der Ewiges erfühlte
und weitertönt wie ein von innen blühender Gesang
in einem Stein gewordenen Ruf.


Man möchte glauben : Ein Bauwerk „außer der Zeit“. Sie, die Kathedrale, verkörpert edelste Wahrheit. Nahezu eine Erscheinung des Göttlichen, ist ihre Form zugleich Schwingung des Tones, des Lichtes, der Linienführungen, geistiger Logik. Sie ist so wunderbar gebaut, dass der Mensch sich der Gottheit nirgends mehr genähert hat, als noch – auf andere Weise – in der Musik. Vielleicht lässt Rilke, in der siebten Duineser Elegie, deshalb „Chartres“ und „Musik“ als vor der „Engel Ordnungen“ bestehen. Chartres ist, losgelöst von allem Kleinlichen, Unzulänglichen, das im Stein lebende Gefühl des Erhabenen und Unendlichen, das uns in der Ergriffenheit der Seele mit den Menschen und dem Geiste der Vergangenheit eint.