Christgeschenk
Hoch über dem Dorfe im letzten Hause am Waldrand lebte die Mutter mit ihren beiden Kindern Peter und Rosl.
Eigentlich glich das Haus mehr einer Hütte, denn die Frau war arm – ihr Mann war vor Jahren an einer steilem Bergwand verunglückt- und so trug sie die Last, ihre beiden Kinder großzuziehen, allein; aber die Kinder waren ihre ganze Freude, denn sie waren anstellig und hatten ein gutes Herz besonders für die Tiere des Waldes und für die beiden Schafe, die mit ihnen zusammen lebten und neben der Hütte in einem Stall schliefen, den Peter und Rosl blitzsauber hielten.
Eines der beiden Schafe war noch jung, Rosl hatte es von dem alten Ohm, der unten im Dorfe wohnte, einmal geschenkt bekommen.
Der Ohm war eigentlich geizig und griesgrämig und schenkte niemandem etwas, aber wenn Rosl ihn mit ihren hellen Augen anblickte, war es ihm, als ob ein Sonnenstrahl in sein hartes Herz fiele. Das hatte es wohl vermocht, ihr einmal das kleine Tier mitzubringen.
Rosl hatte ihr Schäfchen über alles lieb und einmal, als es krank geworden war, hatte sie es mit duftenden Kräutern gefüttert, die sie auf der Wiese vor dem Hause gefunden hatte, und des Nachts war sie in den Stall geschlichen, der direkt an die kleine Kammer der Kinder grenzte, hatte ihre Arme um den Hals des kranken Tieres geschlungen, das sie aus matten Augen anblickte, und ihm ins Ohr geflüstert: „Bald wirst du wieder gesund sein und dann suchst du dir die frischen Kräuter wieder ganz allein“.
Und das Schäfchen war wieder gesund geworden.
Das andere Schaf war schon alt, es hatte kluge und klare, bernsteinhelle Augen, aber es unterschied sich in einer besonderen Weise von allen anderen Schafen des Dorfes, denn es liebte vor allem seine Freiheit und verließ oft die Wiese vor dem Hause, um weit hinauf in den Wald zu laufen, dort blieb es manchmal tage- und nächtelang, ja es stieg sogar bis in die steile Wetterwand hinauf und einige Bewohner des Dorfes hatten es dort schon zusammen mit den wildlebenden Gemsen gesehen, die an steilem Hange die duftenden Flechten und Moose abgrasten und das Schaf sprang trotz seines Alters so behende über die Felsen dahin, dass man es fast selbst für eine Gemse halten konnte, wenn es Hörner gehabt hätte.
Dem Ohm war das alte Schaf ein Dorn im Auge, weil es sich nicht wie die anderen Schafe in eine Herde eingewöhnen mochte und ein Leben führte wie die Wildtiere im Walde.
Als es auf die Weihnachtszeit zuging und der kalte Wind von den hohen Bergspitzen zu ihnen herabwehte, sagte er zur Mutter, dass es Zeit würde, das Tier nun endlich zu schlachten, damit sie Fleisch für den Winter hätten und Wolle zum Spinnen.
Die Mutter, die von den Früchten des Waldes lebte, wusste nur zu gut, wie recht der Ohm damit hatte, das Schaf zu schlachten, denn sie durften im Winter nicht verhungern und aus der Wolle musste sie für die Kinder warme Jacken stricken, beide hatten nur ihre dünnen Sommerjoppen.
Ach, dachte die Mutter traurig, warte ich noch eine kleine Weile damit, aber dann muss es geschehen.
Die Tage waren nun merklich kühler geworden und die dunklen Wolken, die an einem Nachmittag über die Wetterwand gefallen waren, hatten schon den ersten Schnee gebracht, noch nicht sehr viel, aber den Kindern war es schon ganz winterlich zumute geworden, vor allem, wenn die Mutter abends in der heimeligen Stube einen roten Apfel auf ihren Teller legte und das schöne Gedicht sprach, das sie noch aus ihrer eigenen Kinderzeit kannte, doch den Namen des Dichters hatte sie längst vergessen.
Still lauschten Rosl und Peter den Worten der Mutter:
ins Land hinein,
es dunkelt der Spiegel im Weiher,
die Krähen schrei’n.
Die kalten Nächte werden länger,
Sommer und Sonne sind fern,
an Baum und Büschen hängen
schon Reif und Silberstern.
Und kühl die Winde wehen,
die Lichter löschen aus,
wie schwere Schritte gehen
die Träume um das Haus.
Nur Gott kann uns einst belohnen,
halt deine Seele bereit.
Und die in den Sternen wohnen,
wohnen über der Zeit“.
Die Kinder spürten, dass die Mutter bei den letzten Worten an den toten Vater dachte und wenn sie auch noch nicht verstanden, dass die Liebe still weiterblühen kann, verstanden sie doch, dass es etwas Besonderes sein musste, weil die Mutter sie danach immer so innig an sich drückte.
Und geborgen schliefen sie dann in ihren Betten ein und träumten – wenn auch jedes einen anderen Traum – so beide doch von ihrem toten Vater.
So war die Zeit schnell vergangen und es war der Tag vor dem Heiligen Abend herangekommen.
Die Mutter sagte zu den Kindern, dass sie noch in den Wald gehen wolle, um Holz für die Weihnachtstage zu sammeln, damit sie es zum Feste warm und gemütlich in ihrer Stube hätten.
Das alte Schaf zu schlachten hatte sie jedoch noch immer nicht über ihr Herz gebracht, obwohl der Ohm sie immer wieder dazu gedrängt hatte.
Die Kinder blieben allein zu Haus und schütteten den Schafen frisches Stroh auf und Peter, der sich – in seine Gedanken verloren – vorstellte, wie der Weihnachtsmann, in einen roten Mantel gehüllt, und beladen mit bunten Spielsachen und all den anderen Herrlichkeiten, nun bald durch den Tannenwald stapfen würde, glaubte dabei zu träumen und ein Lächeln ging über sein Gesicht, als sähe es ein Wunder.
Rosl lauschte mit glühenden Wangen und glänzenden Augen, wenn er ihr davon erzählte und sie dachte auch an das Christfest im vergangenen Jahr, als die Kirche in der Heiligen Nacht so strahlend erleuchtet war. Da hatte sie lange einen Engel betrachtet, der auf einer Empore stand und auf die Menschen herabblickte, er hatte große goldene Flügel und gefaltete Hände und ein alter, vergilbter Blütenkranz, der zwar nur aus künstlichen Blumen gefertigt war, umschloss ihn. Rosl aber erschien der Blütenkranz schöner und strahlender, als die schönsten Wiesenblumen im Sommer.
Und da hatte sie sich auch einen solchen „Engel im Blütenkranz“ gewünscht – ach, und wenn es nur ein ganz kleiner Engel wäre.
Peter, der von seinem inneren Bilde wie verzaubert war, sagte zu Rosl: „Aber wie soll uns der Weihnachtsmann nur finden, wenn er die Kinder im Dorfe beschert, wo wir so weit droben wohnen“ – und von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, rief er aus: „Rosl, lass uns dem Weihnachtsmann doch entgegen gehen, vielleicht ist er schon auf dem Wege zu unserem Dorf und wenn wir ihn treffen, sagen wir ihm das schöne Gedicht auf, das die Mutter so oft zu uns gesprochen hat“!
Rosl stimmte zu und schnell hatten sie ihre Jacken angezogen, jeder einen Apfel als Wegzehrung eingesteckt und frohgemut schritten sie dem Walde zu, vielleicht würden sie dort auch die Mutter treffen, dann könnten sie ihr sagen, dass sie den Weihnachtsmann suchen wollten.
Die hohen Fichten überdeckten das weiche, leicht beschneite Moos, auf dem die Kinder dahinschritten und nur die Wipfel der Bäume griffen ineinander, wie ein winterlicher Dom aus hochgewölbten Stämmen.
Im Tale lag der starre schon mit Eis bedeckte See, in den der Bach rauschte, der unterhab ihrer Wiese vorüber floss, aber jetzt war auch er schon fast zugefroren.
Ein Nebelstreif hing in den kalten Schatten der Wetterwand, aber den Kindern war es nicht kalt, denn sie stiegen immer weiter aufwärts und die vertraute Waldlandschaft erschien ihnen heute – in Erwartung des Wunderbaren – wie eine Märchenwelt, schweigend und geheimnisvoll.
Der Fichtenwald wurde immer dichter, sein drohendes Schwarz nahmen die Kinder bei ihrer Suche nach dem Weihnachtsmann gar nicht wahr, sie schritten wie in einen schönen Traum versunken dahin und bemerkten auch nicht, wie grau und riesenhaft nun die Felsen neben ihnen aufragten.
Als sie schon eine lange Zeit gewandert waren, glaubte Peter in der Ferne einen Glanz wahrzunehmen und er rief aus: „Das wird der Weihnachtsmann sein, der durch den Wald daher kommt …“ und schnell liefen die Kinder in diese Richtung, aber als sie die Stelle erreichten, beleuchtete nur die untergehende Sonne die blitzenden Eiskristalle eines Wasserfalles.
Die Kinder standen still und lauschten, aber nichts war zu vernehmen, als das Rauschen der Wipfel – und die Bäume und Sträucher, die neben ihnen standen, sahen nun auf einmal in der Dämmerung ganz unheimlich aus und die Kinder beschlossen, sie gar nicht anzusehen und sprachen: „Wir wollen nach Hause gehen, den Weihnachtsmann haben wir nicht gefunden!“
Ein alter Ast fiel neben ihnen nieder und es war nun schnell finster geworden, so dass die Kinder kaum noch die Baumstämme sehen konnten, auch ängstigten sie sich nun vor den hohen, dunklen Felsen, die sie jetzt erst bemerkten.
Sie eilten davon in die Richtung, die sie für die richtige hielten und mussten dabei über Gestrüpp und Baumwurzeln klettern, die von Schnee überdeckt waren.
Oben, über den Wipfeln der Bäume, leuchteten wohl die Sterne und auch der Mond war aufgegangen und als die Kinder weiterliefen, standen nach einiger Zeit die Bäume nicht mehr so dicht beieinander, manche waren umgestürzt und ihre Wurzeln ragten hoch in die Luft, das sah so wild und gespenstisch aus.
Die Kinder waren müde geworden, aber doch eilten sie weiter, sie wussten gar nicht mehr, wie lange sie schon durch die Wildnis gelaufen und geklettert waren, denn den richtigen Pfad hatten sie längst verloren, das war ihnen schon bewusst.
Peter glaubte, dass unter ihnen im Tale das Dorf und der rauschende Bach sein müssten, er meinte sogar das Tosen des Baches unter der Eisdecke zu hören, aber in Wahrheit war es nur das Rauschen des Waldes.
Die Kinder suchten nach einem Absteig, der sie hinunter führen würde und sie fanden auch eine Stelle, wo sie über Steine und Wurzeln hinunter klettern konnten, es war mühsam und Rosl blieb dabei mit ihrem Fuß an einer Wurzel hängen – zu ihrem Glück – denn fast wäre sie über eine steile Wand in die Tiefe gestürzt. Peter kam schnell herbei und sie blickten hinab; unter ihnen wallte der Nebel um die grauen Felswände.
Nach diesem Schrecken erhoben sich die Kinder, um nun wieder aufwärts zu klettern, ihre Hände und Füße schmerzten, aber so sehr sie es auch versuchten, sie kamen den Berg nicht mehr hinan, das weiche Erdreich und die lockeren Steine unter ihnen gaben nach und sie rutschten und fielen immer wieder hinab.
Zitternd und erschöpft kauerten sie sich in der Kälte aneinander, als sie plötzlich ein scharrendes Geräusch über sich hörten und dann etwas Graues neben sich fühlten.
„Das alte Schaf“ riefen die Kinder wie aus einem Munde und das Licht des Mondes schien auf sie herab, so dass sie sehen konnten, wie die hellen, klaren Augen des Schafes sie anblickten.
Ihre Hände und Füße waren den Kindern wie erstarrt, aber als das alte Schaf sich anschickte, den Berg wieder hinanzuklettern, stiegen sie ihm hinterdrein, zwar zitternd noch, aber sie setzten ihre Füße genau dorthin, wohin das Schaf sie setzte – und wie die Tiere sich ganz selbstverständlich in der Nacht und Wildnis zurechtfinden, suchte sich das Schaf seinen Weg mit sicherem Tritt und die Kinder konnten ihm nun nachfolgen und erreichten so die oberste Kante der Schlucht und mit dem Schaf, das den Weg zu seinem Stall hinablief, kamen sie heil zurück nach Haus.
Es war schon fast der Morgen angebrochen und die Mutter hatte, als sie am Abend vom Holzsammeln zurückgekommen war und die Kinder nicht vorgefunden hatte, diese gesucht und gerufen und war dann in ihrer Angst zum Ohm gelaufen, der sofort seinen Großknecht und die anderen Knechte ausgeschickt hatte, um Peter und Rosl zu suchen und auch die anderen Bewohner des Dorfes waren ausgezogen mit Fackeln und Lichtern und hatten die ganze Nacht nach den Kindern gesucht.
Müde und traurig waren sie alle nach und nach heimgekommen, nur die Mutter rief und suchte noch immer nach ihren Kindern. Als auch sie schließlich zurückgekehrt war und Peter und Rosl – wie durch ein Wunder gerettet – wiederfand, schloss sie beide zugleich stumm in ihre Arme, denn ihre Stimme versagte ihr in diesem Moment ihren Dienst, aber ihre Lippen formten tonlos die Worte: „Gelobt sei Gott!“
Soeben noch dem Schrecken und Maß der Vergänglichkeit ausgeliefert, fühlte sie nun in ihrem Herzen tiefe Dankbarkeit dafür, dass ihrer Verzweiflung eine helfende, höhere Macht zu Hilfe gekommen war.
„Gott bedient sich der Engel in vielerlei Gestalten“ – an diese Worte des Pfarrers dachte die Mutter – und sie ward inne, dass sich der Himmel diesmal eines alten Schafes bedient hatte, um die zu leiten „derer das Himmelreich ist“.
Und als die Mutter mit ihren Kindern in der Heiligen Nacht beim Schein der Sterne den verschneiten Weg zur erleuchteten Dorfkirche hinabging, wusste sie, dass es das schönste Christgeschenk ihres Lebens war.
In der Kirche vor dem lichtstrahlenden Altar nahmen sie die Worte des Evangeliums gläubig und tiefer in ihre Seele auf und sie fühlten die Weihe der Heiligen Nacht mit dankbarem Herzen.
Als sie nach der festlichen Stunde durch die Kirchentüre wieder ins Freie traten – auch der Ohm hatte sich angeschlossen – sahen sie das alte Schaf, das wieder einmal herumgewandert war, nahe der Kirche stehen.
Das Licht der Sterne ließ den Schnee hell erglänzen; es erschien ihnen wie ein heiliger Glanz.
Sie gingen zu dem alten Schaf und streichelten mit ihren Händen sein weiches Fell.
Und als der Ohm sie in den nächsten Tagen besuchte, sahen sie, wie er aus seiner ledernen Umhängetasche das schönste duftende Heu hervorholte und dieses dem alten Schaf darreichte.