Der Sinn der Evolution ist Schönheit

Diese Aussage des Literatur-Nobelpreisträgers Josef Brodsky ist vielleicht weniger dem Erkenntnisbereich der Wissenschaftler zuzuordnen, als vielmehr dem Impuls, sich einem Vorgegebenen, man möchte sagen, einer preisenden Schwingung des Seins, zu öffnen, die Berührung mit dem Wirklichen aus einem gefühlsmäßig intendierten Erleben in sich aufzunehmen, so, als wachse der Weltbezug nicht nur aus dem Verstand, sondern auch aus den elementaren Schichten der Seele, die imstande ist, Schönheit zu fühlen, denn für den Geist ist Schönheit zwar verstehbar, für die Seele aber ist sie auch werterfüllt und damit zugleich Teil einer sinndurchwalteten Welt.

Doch ließe sich der übergeordnete Gedanke des Dichter-Wortes nicht noch bezwingender nachempfinden, wenn man der Schönheit zugleich die Dimension der Harmonie zugesellte, die ihr so wesensverwandt ist: „die Realität einer Welt verbunden mit dem Gedanken einer Harmonie und Schönheit im Kosmos, die, da sie überörtlich und überzeitlich sind, nicht im Widerspruch zur realen Disharmonie und Zerrissenheit unserer Welt und unserer Zeit stehen“ – wie ein kluger Geist es formulierte - der reflektierende Mensch aber, der selbst ein Teil der Natur und des Universums ist, kann diese Harmonie und Schönheit empfinden und auch leben, obzwar sie manchmal zu seiner Lebenswirklichkeit in großer Distanz zu stehen scheinen.

Schönheit, die ihr eigenes Mysterium hat, Schönheit, die uns in so vielerlei Gestalten umgibt, deren Herkunft und Wesen zu ergründen, viele unternommen haben.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, heißt es bei Shakespeare.

Der Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker bezeichnet: „Das Schöne als beseligende Wahrnehmung, und bezieht dies durchaus auch auf physikalische und mathematische Strukturen.

Der Dichter Beaudelaire faßt seine Gedanken dazu in die Frage: „Schönheit, kommst du zu uns aus der Tiefe des Himmels oder steigst du aus dem Abgrund auf ?

Und Eduard Mörike gibt ihr eine Tiefendimension, die gleichsam in sich selbst ruht: „Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst“.

Aussagen ganz unterschiedlicher Art, die alle auf eines hinweisen: Im Bereich des Schönen gilt es weniger, zu verstehen, als vielmehr: alles unmittelbar zu empfinden.

Reflexionen, die aufzeigen, daß aus einer anderen Sphäre etwas in die Wirklichkeit einbricht, dessen bannende Kraft letztlich Geheimnis ist, aber es bleibt: das Wunderbare!

Schönheit als ‚Wertekategorie an sich’ ist ja ein überzeugender Gedanke, wenn man von dem Beispiel ausgeht –wie es Alfons Rosenberg in seinem Buch „Don Giovanni“ ausführt- „dass ein in die Muschelschale einer Auster eingedrungenes Sandkorn von der Muschel in der Abwehr des Fremden, Schmerzenden solange mit feinsten Kalkschichten umhüllt wird, bis aus dem rauhen, mißfarbenen Korn ein in lichten Farben schimmerndes Gebilde, die Perle, Gleichnis vollkommener Schönheit, entstanden ist“.

Oder sollte ihr noch eine andere Dimension zu eigen sein, die man fast eine seelenhafte nennen könnte, wie es in folgendem Gedicht ausgesprochen ist:

Stilles Bild

Die Perle, meergewiegt, vom Licht nur schwach erreicht, ersehnt den Schimmer ferner Himmelsbläue stumm in ihre dunkle Tiefe, in der sie klar und zarter alle Strahlen sammelt und darin leuchtend einer Himmelshelle gleicht.

Lieblichster Wellengegenstand, gewebt aus Glanz, du strahlst aus deiner leisen, schaffenden Gestalt den Atem einer Schönheit wider, die sich aus höheremGeist entfaltet und aus der gleichen Schwingung tönt im Wehen ihrer Resonanz.

Schönheit ist aus Ursprung ewiges Verlangen, das in allen Dingen lebt, die sie in ihrem Wesen erst beseelt und aus dem eigenen Schwingen immer strahlender durchwebt.

Schönheit also, „die in allen Dingen lebt“ - auch in der Musik und im Wort.

Sagt doch die Antike, Orpheus habe durch seine Kunst nicht nur Steine und Bäume bewegt, sondern auch die wilden Tiere friedlich gestimmt!

„Sie kehrten in sich und es ergab sich“ - um mit den Worten Rilkes zu sprechen - „dass sie nicht aus List und nicht aus Angst in sich so leise waren, sondern aus Hören.

Brüllen, Schrei, Geröhr schien klein in ihren Herzen, denn Orpheus schuf ihnen Tempel im Gehör“.

Also bändigte die Schönheit der Musik die rohe Gewalt, jedenfalls nach dem orphischen Mythos der Griechen.

Und leuchtet vor diesem Hintergrund nicht geradezu ein magischer Wirkzusammenhang auf, wenn die Stimme eines „anderen Orpheus“ ertönt, die Stimme von Dietrich Fischer-Dieskau, von dem gesagt wird:

„Kein anderer Sänger singt so entrückt und schön zugleich, trifft so den Ton schmerzlicher und einsamer Verlorenheit“ oder wie Joachim Kaiser es in die Worte faßt: „Fischer-Dieskau setzt ein Legato plötzlicher Beklommenheit, der Seelennot, das Melodien schwindelerregend weit hinaushebt über alles nur hübsch Musikantische. Ihm steht eine Innigkeit des Trostes, der träumerischen Seligkeit zu Gebote, die glücklich und melancholisch zugleich machen kann. Erst da, wo man verzweifelt nach beschreibenden Worten sucht, fängt seine Kunst erst an“.

Vergangenheit, wie sie uns in Orpheus als „Urtendenz des Schönen im Gesang“ überliefert ist, lebt nicht nur in der Erinnerung, sie ist da, auch heute, als selbstverständlicher Baustein und Bestandteil der Gegenwart, sie beansprucht immerwährende Dauer und entfaltet in glücklichen Augenblicken ihren unvergänglichen und unbeschreiblichen Zauber.

Vielleicht ist es dies, was Joachim Fest unter dem Motto „Ahnungen des Endgültigen“ über die Wirkung der Stimme Fischer-Dieskau’s sagt: „Ihre Schönheiten lassen sich nicht beschreiben. Wer es dennoch versuchte, könnte allenfalls sagen, daß niemand zugleich suggestiv berückender, intelligenter und wandlungsfähiger singt als er“.

Worte, die zugleich den magischen Gesang des Orpheus beschreiben könnten!

Sind Individualitäten austauschbar – Orpheus - Fischer-Dieskau – um über Zeitdistanzen hinweg wieder gleich - gleichsam aus den Schichten „derselben Seele“ - das evident Wahre der Kunst erfahrbar zu machen ?

Ein Künstler der Moderne hat sicher andere Möglichkeiten und Intentionen, als „wilde Tiere friedlich zu stimmen“, jedoch auch heute – wie vor 3000 Jahren – klingt eine tiefe metaphysische Frage auf, die Werner Spieß umschreibt, indem er vom Zeitbegriff, vom „zuckenden Schmerz der Vergänglichkeit“ spricht, den Fischer-Dieskau in seinem Gesang „wie kein anderer in so maßlosen, unwiederholbaren Stunden“ vorgeführt hat.

„Immer erneut“ – so die Worte von W. Spieß an den Sänger – „senkst Du in uns diese panische Angst vor dem Verschwinden und Vergehen eben der wünschenswertesten Erfüllung von Zeit. Mit dem, was Du uns antust, bringst Du auf unerhörte Weise die Fragilität von Zeit, das Unrevidierbare von Zeit zum Bewußtsein – die unwiderbringliche, auf die Spitze der Zeit getriebene Schönheit Deiner Interpretationen berührt den Menschen… und als Produzent einer einzigartigen Vergänglichkeit läßt Du jeweils erneut die Hermeneutik des Todes in uns eindringen“.

Beide Sänger, der thrazische und der deutsche, haben außer der Doppelheit einer höchsten Kunststufe gemeinsam auch, daß ihre Kunst - sonst wäre sie und ihre Wirkung nicht so unvergänglich - über die Realität hinaus in ein Reich höheren Sinnes greift, ihre Kunst sich gleichsam aus ihnen „träumt“ - wie zwingend mutet da die Bezeichnung „Quasi una fantasia“ an, die Werner Spieß seinen Worten über den Sänger aus dem Jahre 1985 vorangestellt hat - eine Kunst, die von innen her das Ganze erfaßt, mit einer Hellsichtigkeit für das Schöne, den hohen Augenblick, der ein „Verstehen aus Liebe ist“ und das „Unwiderbringliche von Zeit“ so beglückend und zugleich doch auch mit Schmerz über die „Fragilität von Zeit“ erfüllt.

(Gluck – Orpheus und Eurydike – Arie „Ach, ich habe sie verloren“ – gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau – zu hören auf YouTube)

(Gluck – Orpheus und Eurydike – Gesamtaufnahme – dirigiert von F. Fricsay 1956 – zu hören auf YouTube)

Rilke wußte um dieses in die Welt eingebundene Element, wußte, daß es das Leben und die Dinge nach seinen eigenen Maßstäben gestaltet.

Dazu seine Worte aus dem dritten der Orpheus-Sonette:

„Gesang wie du ihn lehrst, ist nicht Begehr, nicht Werbung um ein endlich noch Erreichtes. Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes“.

Die Schönheit von Kunstschöpfungen zu vermitteln, auch ihre Disharmonien, das Seltene und das Festliche, das Zarte und Verletzliche, setzt sicher ein verfeinertes Verstehen, ein geschultes, fühlendes Auffassen voraus, das trotz Reflexion und tieferen Eindringens in ein Kunstwerk, von ursprünglicher Natürlichkeit sein muß.

Was Maria Callas in die rationale Welt der frierenden modernen Seele an Größe, Schönheit und emotionaler Spannung zurückgeholt hat, kommt besonders eindringlich in den Worten von Ingeborg Bachmann zum Ausdruck – etwas Besseres ist kaum über die große Sängerin gesagt worden:

„Ecco un artista – sie ist die einzige Person, die rechtmäßig die Bühne in diesem Jahrhundert betreten hat, um den Zuhörer unten erfrieren, leiden, zittern zu machen, sie war immer die Kunst, ach die Kunst …“

„Sie war der Hebel, der eine Welt umgedreht hat, zu dem Hörenden, man konnte plötzlich durchhören, durch Jahrhunderte; sie war das letzte Märchen“.

Der Dirigent Carlo Maria Giulini sagt über die gemeinsamen Aufführungen mit Maria Callas an der Mailänder Scala: „Mich überfiel stets dieselbe Empfindung: Die Wirklichkeit begab sich auf der Bühne. Was hinter mir war, das Publikum, das Auditorium, die Scala selbst, all das schien mir künstlich. Nur das, was auf der Bühne atmete, war Wahrheit – war das Leben selbst“.

Maria Callas hatte die seltene Fähigkeit, gleichsam im Klang zu weinen; Augen- und Ohrenzeugen berichten von einer Qualität des Empfindens, die ein Hören- Sehen- und Vernehmenlassen von Wahrheit bewirkte.

Vielleicht war ihr Vortrag deshalb so tief ergreifend.

MARIA Callas – Unüberhörbar allein

Lausche und bebe! Wahrheit, zu Tönen geworden, steigt aus Lieben und Leiden, im Trauern flehend durch Tränen des Blutes — innigstes Beschwören im Gesange.

Aus zerrissener Seele klagt eine Stimme: Schmerz, der größer ist als alle Einsamkeiten und dann: Unendlich gesponnene Melodie – zarte Linien aus leuchtendem Klange.

Und hätte Donizetti sie gekannt, er hätte seine Opera „Lucia“ anders komponiert. Nicht mit dem Höllenwahn am Schluss, sondern – inspiriert durch ihren Musenkuss – hätte er statt ewiger Verdammnis ewiges Glück besungen und einer Callas – voll Bewunderung  aus Tönen einen Kronenkranz gewunden.

(Bellini – Norma – Casta Diva – gesungen von Maria Callas – zu hören auf YouTube)

(Bellini – Norma – Gesamtaufnahme – Maria Callas, Christa Ludwig, Franco Corelli u.a., Dir. Tullio Serafin)

(Maria Callas – Live-Konzert Hamburg 1962 – zu hören auf YouTube)

Schönheit schafft sich die Welt in vielfachen Daseinsformen, Musik und Wort - beide Klangträger - sind staunenswürdige Wunder und: Aus dem Wunder wird das Bewunderte!

Schriftsteller, Dichter und ihre Interpreten schaffen und atmen aus Kräften einer Welt- und Lebenssicht, die nicht nur die rationale Erkenntniswirklichkeit eines wachen und fühlenden Geistes bedingen, sie kennen auch die Macht des Phantastischen, Enthüllenden, sie wissen, daß archaische Seelenschichten hinter und unter der Grenze des Sichtbaren wirken, sie erfüllen die Welt mit ihren schöpferischen Kräften, geben ihr ihren „Weltinnenraum“ der Kunst und in diesen selbstgeschaffenen Gebilden liegt, man möchte sagen - wie aus einer Eigengesetzlichkeit bedingt - der Gehalt, den der Schaffende selbst –auf letzter Höhe- oft nur intuitiv hervorbringt, der ihm selbst Geheimnis bleibt, das ihn gleichsam wie ein verborgenes lebens- und kunstlenkendes Prinzip umhüllt.

Man könnte es auch allgemeiner sagen: Gestaltende Kraft und Schönheit rufen diesen Gehalt ins Sein!

Erklingen die Worte des „Hohen-Liedes-Salomo“, gesprochen von Gisela Zoch-Westphal und Gert Westphal, hört man auf selten wunderbare Weise, wie sehr gestalterische Kraft und Schönheit zum Ganzen der Person gehören.

Wie sonst wäre es möglich, das menschliche Erleben und die Glückseligkeit dieser Dichtung gleichsam in den eigenen vitalen Lebensstrom zu verwandeln, mit einem Herzensklang, der durch die Worte geht, wie es nur ein Gespräch aus innigster Nähe vermag, und dadurch so überzeugende Mittler zu werden für die Schöpfung dieses großen „Gesanges“, für das ewig Göttliche und für die unvergängliche liebende Seele.

Selten ist Kierkegaard auf eine so schöne Weise widerlegt worden, Kierkegaard, der gesagt hat: „Weil der Künstler auf die Gestaltung hin erlebt, betrügt er sich um sein Erleben. Statt sich ihm zu stellen, denkt er nur an die Umsetzung ins Werk. Wo andere leiden, transponiert er bereits“.

Doch verkennt Kierkegaard bei dieser Aussage nicht, daß der Künstler in der Berührung mit dem Kunstwerk seine Fähigkeiten steigert, ihm das im Kunstwerk Erlebte zur Selbstverwirklichung wird, er sich im tiefsten Sinne „selbst schöpft“!?

„Wir vergessen“, sagt R. K. Goldschmit-Jentner, „daß in der Sprache als Ausdrucksmittel die größten Geheimnisse verborgen sind, denn das Wort ist nicht nur Begriffsbezeichnung, sondern es zittern in ihm, im Satzgefüge, auch die feinsten Schwingungen der Seele des Sprechenden und des Schreibenden mit: Im Gebrauch der Vokale z.B. steckt ein mystisches Geheimnis, das den Urgeheimnissen der Musik verwandt ist“.

Ein Maler wird die Welt und ihre Schönheit vor allem bildhaft erleben, ein Dichter worthaft, ein Naturwissenschaftler - und darin ähnelt er dem Philosophen - begrifflich-erkenntnistheoretisch.

Das Schöne wächst somit in einem ihm vorgegebenen Gebilde und Gestaltungsmedium, aber es wird zugleich eigenes Ausdruckspotential, es hat eine andere Dimension als die Materie, als das, aus dem es hervorgeht, es hat ihre der Schönheit eigene Qualität, ihr selbständiges Schönheitsmoment, wie z.B. im Bereich des Architektonischen - noch heute sichtbar für jedermann - der Dom von Siena „aus Anmut aufgebaut wurde“, einer Erscheinungsform des Schönen, „die über Stärke triumphierte“, über die Stärke des rohen Steines.

Dom von Siena

Farben, Feuerzungen, Strom des Lichtes, in Mauern aufgelöst, aus Anmut aufgebaut, die über Stärke triumphierte, Traum und Gestalt, dem Himmlischen entflammt, die noch den offenen Blick des Schöpfungsmorgens tragen.

Heiliges Gesetz, fühlbar empfangen, verkündet Helle und aller Widerschein des Sonnengoldes läßt Mosaiken des Gesteins durch’s Auge rinnen, als fasse es verwandelt Licht und unbetretenes Paradies.

Wie Offenbarung trägt der Stein den matten Glanz der Bogengänge, gestreiftes Weiß, das zu Gesang im Raume ward. Unschuld und Buße, gefunden wie verlorene Spur, steh’n stumm geweiht im Strahle einer Ewigkeit.

Wort aus Marmorspiegelungen, das immer neu und grenzenlos sich selbst erschafft im Ringen und Gebet.

Die Frage nach dem tieferen Sinn von Schönheit drückt ein Gedicht aus, das auch ihre friedenstiftende Macht postuliert.

An das Schöne

Woher nimmt Schönheit ihren Strahlenkranz? Vom Sonnenschein mit seinen silberblauen Schwingen? Aus geistdurchwehtem Hauch, der Statuen beseelt? Oder reifend aus den großen Harmonien, die sich im Jubel ewiger Sphären selbst vollbringen?

Das Schöne ist in seinem Wesen allerreinste Nähe, der Atem eines Singens aus erblühter Luft, beseligtes Umfangen aus erfülltem Frieden, ein Unerklärliches, das alle Sprachen übersteigt und eine Kraft, die Zartes mit Verhärtetem verbindet noch über tiefste Kluft.

Nimmt man die Worte: „Das Schöne ist in seinem Wesen allerreinste Nähe“ in seiner ganzen Unmittelbarkeit, dann ist es tatsächlich „selig in ihm selbst“.

Unsichtbar in der Innensphäre des menschlichen Gefühls, verschmilzt dieses mit dem Verstand zu einer neuen Seelenwirklichkeit, eine neue Einheit entsteht, ein ganz und gar unmaterielles Element, in das Sichtbares, Welthaftes verwandelt wird, das dabei zugleich den Menschen verwandelt.

Schönheit bricht aus einer anderen Sphäre in die Wirklichkeit, diese These sucht ihre Wahrheit -wie gesagt- immer wieder in der Unmittelbarkeit des gefühlsmäßigen Erlebens. Doch wie vollzieht sich dieser transzendente Übergang?

Dazu soll Rainer Maria Rilke mit einer lyrischen „Komposition“ zu Worte kommen, die diesen besonderen Grad der Wirklichkeit aufzeigt.

Sonett

O Wenn ein Herz, längst wohnend im Entwöhnen, von aller Kunft und Zuversicht getrennt, erwacht und plötzlich hört, wie man es nennt: „Du Überfluß, Du Fülle alles Schönen!„

Was soll es tun? Wie sich dem Glück versöhnen, das endlich seine Hand und Wange kennt? Schmerz zu verschweigen war sein Element, nun zwingt das Liebes-Staunen es, zu tönen.

Hier tönt ein Herz, das sich im Gram verschwieg, und zweifelt, ob ihm dies zu Recht gebühre: so reich zu sein in seiner Armut Sieg.

Wer hat denn Fülle? Wer verteilt das Meiste? – Wer so verführt, daß er ganz weit verführe: Denn auch der Leib ist leibhaft erst im Geiste.

Rilke hat einem anderen Kunstwerk, von dessen Wert und Schönheit er überzeugt war, im „Malte Laurids Brigge“ feine und aufschlußreiche Worte gewidmet: Den sechs Tapisserien, genannt: „La Dame à la Licorne“, Wandteppichen aus dem späten 15. Jahrhundert, die heute im Musée de Cluny in Paris aufbewahrt werden und von denen Alain Erlande-Brandenburg sagt: „Es gibt in der Kunst Meisterwerke, die auf jeden von uns einen Faszinationszauber ausüben, dem wir uns schwerlich entziehen können. Alles in diesen Werken trägt zur Augenfreude bei: die chromatisch abgestimmte Farbscala, die Zusammenstellung der Szenen und jener Poesie-Anteil, der sich nicht erklären lässt“.

Gottfried Büttner hat diesen Tapisserien ein eigenes Buch gewidmet, in dem der ganze geistig-seelische Kosmos dieser Bildwerke und ihre tiefe, vielschichtige Symbolik mit einer geradezu berückend intensiven Schau dargestellt werden.

Poesie und Schönheit haben ihre unvergängliche und bleibende Spur hinterlassen!

Die Entdeckung des Schönen ist immer ein erneuter „innerer Schöpfungsakt“ - ein geradezu lebensnotwendiger in einer so vernunftgeordneten Welt.

Wie trefflich hat Thomas Mann ihre magische Wirkungsmacht ausgedrückt mit den Worten : „Denn nur die Schönheit ist göttlich und sichtbar zugleich“.

Was für eine großartige Aussage: Das Göttliche über der Wirklichkeit der Welt wird sichtbar im Schönen.

Ertönt dieses Schöne nicht besonders machtvoll aus der gesamten Musikentwicklung, wie es uns die Werke zahlloser Meister in ihrer leuchtenden musikalischen Produktivität künden! „Der von Gott erwählte Genius sucht die Ewigkeit“ – so möchte man es glauben!

Wie überzeugend klingen da die Worte Goethes über die Musik Johann Sebastian Bachs, jenen anderen Gesetzen gehorchend, die den Geist Bachs erfüllen: „Es war, als wenn die himmlische Harmonie sich mit sich selbst unterhielte und in Gottes Busen kurz vor der Schöpfung möchte zugegangen sein“!

Für Bach blieb „Jesus“ zeitlebens „seine Freude“ und „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ – wie es aufertönt in diesen beiden von Bach vertonten Arien:

(J.S. Bach – Jesus bleibet meine Freude – aus der Kantate Nr. 147 „Herz und Mund und Tat und Leben“ – gesungen von Benjamin Appl – auf YouTube)

(J.S. Bach – Was Gott tut, das ist wohlgetan – aus der gleichnamigen Kantate Nr. 100 – gesungen von Benjamin Appl – auf YouTube)

Aus Beethovens Werken ertönt uns gleichsam auch ein Aufleuchten der Natur entgegen, seine Worte und seine Musik zeugen davon: „Geben doch Wälder, Bäume, Felsen den Widerhall, den der Mensch wünscht“. Rein wirkt die Natur tief hinein in Beethovens Geist und Seele, wenn er spricht: „Ist es doch, als wenn jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig! heilig! Allmächtiger im Walde! Ich bin selig, glücklich im Wald: jeder Baum spricht durch dich. O Gott, welche Herrlichkeit“!

(Beethoven – Mailied – Wie herrlich leuchtet mir die Natur – op. 52 Nr. 4 – gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau – auf YouTube)

Auch aus der „Pastorale“ erklingt Gottes Gegenwart, wie ein tönender, unsichtbarer Gruss – hellschimmernd wie ein anderer Gruß in einem eindringlich-zauberhaften Tongemälde:

(Beethoven – Ich liebe dich – musiziert von Dietrich Fischer-Dieskau und Jörg Demus – auf YouTube)

Die Romantiker erweiterten dieses Naturgefühl ins Unermessene als tiefinneres Liebesgeständnis an die Natur wie es aus den Worten Eichendorffs tönt: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“

(Robert Schumann/Joseph von Eichendorff – Liederkreis op. 39 – musiziert von Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore)

Ertönt die Arie der Brangäne aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“: „Einsam wachend in der Nacht …“ erfährt man wie Kunst sich ins Ungemessene erweitert.

(Tristan und Isolde – Arie der Brangäne – gesungen von Christa Ludwig auf YouTube)

Ein sehr persönliches Naturgefühl, wie ein bezauberndes musikalisches Dialogisieren, leuchtet auch aus der Komposition der „Glockenblumengesänge“ des Komponisten Markus Schönewolf, die in ihrer feinfühligen Differenzierung, geistvoll, sensibel und auch in virtuoser Steigerung eine gelungene Synthese der goethischen Aussage: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh man es denkt, gefunden“, musikalisch mit Leben erfüllt.

Das ewig Dauerhafte verbraucht sich eben im eigenen Fortbestand nicht, seine sublimste Erkenntnis findet es im Menschen, in „jener Vereinigung sensibler Kultur und tiefsten Empfindens“, wie es so schön aus einem Brief von Lou Andreas Salomé an Rainer Maria Rilke aufscheint: „Man kann doch die Blätter und Blütenköpfchen nicht sehen, ohne zu wissen: man ist ihnen verwandt“, schrieb sie. „Der Frühling sagt es so laut, daß auch wir Frühlinge sind. Denn das ist der Grund unseres Entzückens an ihm“.

Wenn das Schöne aus seiner unendlich reichen Sphäre tritt und seinen Augenblick gefüllt hat, wird verständlich, was der Philosoph K. M. Abich auf höherer Erkenntnisebene formuliert: „Es ist doch eine Gunst der Natur, uns durch Schönheit ein sinnliches Zeichen zu geben, ob wir eher auf dem richtigen als auf dem falschen Wege sind“.

Daß das Erhabene zugleich auch schön sein kann, dafür ist die Kathedrale von Chartres Gestalt gewordener Ausdruck.

Sie erscheint den Menschen geradezu wie ein Bauwerk „außer der Zeit“.

Nahezu eine Erscheinung des Göttlichen ist ihre Form zugleich Schwingung des Lichtes, der Linienführungen, geistiger Logik.

Sie ist so wunderbar gebaut, daß der Mensch sich der Gottheit vielleicht nirgends mehr genähert hat, als noch - auf andere Weise - in der Musik.

Vielleicht läßt Rilke in der siebten „Duineser Elegie“ deshalb „Chartres“ und „Musik“ als „vor der Engel Ordnungen“ bestehen.

Chartres ist, losgelöst von allem Kleinlichen, Unzulänglichen, das im Stein lebende Gefühl des Erhabenen und Unendlichen, das uns in der Ergriffenheit der Seele mit den Menschen und dem Geiste der Vergangenheit eint.

Der britische Kunsthistoriker Kenneth Clark sagt in seinem Buch „Civilisation. A personel View“: „Die Kathedrale von Chartres gehört nicht nur zu den beiden schönsten Innenräumen der Welt (der andere ist die „Hagia Sophia“ in Konstantinopel), sondern sie hat noch eine ganz besondere Wirkung auf uns.

Wenn wir die Glasgemälde betrachten, die uns ganz umgeben, scheint es, als versetzten sie die Luft in Schwingungen. Es ist eine sinnlich- emotionelle Wirkung von höchster Kraft und der gesamte harmonische Raum scheint, einem natürlichen Harmoniegesetz folgend, der Erde entwachsen“.

Wie tief hat Auguste Rodin diese Kathedrale verstanden und beschrieben!

Über diese Königin der gotischen Kathedralen Frankreichs sagt Rodin:

„Chartres hat sich seinen Ruhm für alle Ewigkeit gesichert. Chartres, unsere leuchtendste Kathedrale unter allen! Ist sie nicht Frankreichs Akropolis?

Palast der Stille - Menschen kommen und gehen, unaufhörlich, und seit Jahrhunderten geht es so. Doch hat diese uralte Bewegung, die nie aufhören wird, nicht im geringsten seine Stille gestört. Denn man schweigt in dunkel empfundenem Glück oder in Bewunderung, die sich vor diesem Wunder nicht in Worte fassen läßt. Tag und Nacht schmücken es in gleichem Grade, in verschiedener Art. Der Tag gibt ihm zarte Anmut, die Nacht furchtbare Majestät. O wie sind die kultivierten, der Gegenwart überdrüssigen Geister erstaunt, so nahe den Zentren der modernen Unruhe diese stille, erhabene Totalität der Jahrhunderte zu finden, Schönheitssehnsucht und Schönheitserfüllung.

Unsere Ahnen haben hier ihr Meisterwerk vollbracht, in jener Zeit da das Genie der menschlichen Spezies zu einer Allmacht emporgestiegen war, wie sie Griechenland in seiner Apotheose besessen hat.

Zarte Schatten der Gewesenen, wir trinken aus den Quellen, die eurem Genie und Glauben entsprungen sind: Quellen des Lichts!

Dieses unvergleichliche Heldengedicht verstehen und lieben, bedeutet wachsen.

Es ist übernatürliches Licht, das uns hier erleuchtet“.

CHARTRES

Das Licht aus blauer Tiefe gehet sanfter hier und anders auch, als über Dinge hin, die sich verbrauchen und nur irdisch sind. Erfüllung liegt in einer Ordnung Maß, das sich aus heiligem Willen baute und seine Proportion aus reinster Harmonie gewinnt.

Erhabenheit, gestellt ins Wirkliche, die in der Formen Klarheit ruht, ist wie ein Anvertrautes, das aus ewigem Gesichte in Weisheit eingegangen ist, die in sich aufgenommen hat der Menschen Wankelmut.

Ins Innere steigen der Skulpturen Blick und Gesten, die durch die Zeiten greifen, als neigten sie aus Gottes Fülle, aus Worten, de nur stumm gesprochen, Geheimnisvolles, das übersteht und wiederholt in ewigem Reifen, als käme es aus Träumen, die überwinden und an Herzen pochen.

Schwingung des göttlichen Lichtes, verwandelt zu weiterwirkender Kraft, die Reinstes durch Menschenhände erschuf aus Geist, der Ewiges erfühlte und weitertönt wie ein von innen blühender Gesang in einem Stein gewordenen Ruf.

Ob der Mensch zur Materie sinkt oder zu den Göttern steigt, wird vor allem eine Frage der Erkenntnis und des Willens sein.

Versenken wir uns in „Goethe und seine geistige Welt“, wie der Titel eine Buches von Eduard Spranger lautet, wird immer letzteres der Fall sein.

Goethe, der den Menschen im Erkennen Weg und Grenze vorgezeichnet hat, Goethe hat im Schönen ein Gleichnis gesehen, den Abglanz des Göttlichen, anschaulich geworden in der „Chiffreschrift der Natur“.

Das Schöne vermag es auch - und erfüllt damit gleichsam eine aus Ur-Sehnsucht aufsteigende Vorstellung nach Vollendung - den transzendenten Sinn der Welt „im schönen Augenblick“ zu enthüllen und ihm leuchtenden Glanz zu verleihen.

Ist dies jemals - man möchte sagen: ewigkeitswürdiger – erfasst und ausgedrückt als in Goethes „Faust“, wenn dieser, überwältigt von der Fülle und schöpferischen Vielfalt des Lebens, spricht: „Zum Augenblicke dürft ich sagen: Verweile doch, du bist so schön , es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergeh’n. Im Vorgefühl von solchem hohen Glück, genieß ich jetzt den höchsten Augenblick“.

„Schönheit, eingebunden in eine der großen Aussagen der Altersweisheit Goethes“, wie Eduard Spranger es ausdrückt, aber noch eine andere Dimension gesellt sich dazu, „eine größere, umfassendere, wo in der Gloriole der Schönheit die göttliche Liebe aufleuchtet, die alles Sein zusammenhält.

Der Schmerz des Lebens und die Kämpfe des Lebens lösen sich nur in dem metaphysischen Geheimnis der Liebe; nicht in der Sorge, nicht in der Angst, nicht in der Selbstkontraktion der Existenz. Denn wo Liebe ist, da ist immer Gott selbst nahe. Deshalb ist sie höher als alle Vernunft“.

Wenn der Mensch neben der Liebe auch das Schöne als formende Weltsicht in sich aufzunehmen bereit ist, kann der dem Schönen innewohnende eigenständige Wert tatsächlich zu einem reicheren und höheren Erleben werden.

Das im Dichterwort formulierte „Evolutionsprinzip“ würde sich damit erfüllen.