Lebens-Melodie

Prolog

„Lausche, was der Quell dir flüstert …“

Gleicht nicht das Leben einer großen Sinfonie, wo Dur und Moll im schönen Einklang spielen, wie eine Chiffre, die in unsere Wirklichkeiten eingeschrieben als tönende Verheißung einer Sphärenharmonie, als der vollkommene Gedanke, der alles bildet und durchglüht, wenn aus der schwingenden Bewegung Irdisches aus Überirdischem erblüht, wie es auch leis’ aus einem Dichterworte geht, das innerlich die Welt versteht und wie es auch aus Mozarts wunderbaren Melodien klingt, wenn dieses Übergreifende aus seiner Seele singt. Denn nur wo ich im Einzelnen das Ganze find’, verstehe ich, dass diese Töne auch im anderen sind und dies Gemeinsame sich erst im Einklang ihrer Herzen findet, der zwei Bestimmungen in Eines bindet. Auch Goethe wusste schon um die Bedeutung dieses Zieles, er sagte „Kein Lebendiges ist Eins, denn immer ist’s ein Vieles“. In diesem tiefern Sinne gehet alles, Natur und Mensch und geistige Gestalt im weiten Raum des Lebens auf, doch immer bleibt es einheitliches Ganzes im unendlichen Verlauf. Vielleicht war es wie in der Eichendorffschen „Mondnacht“, dass einst „der Himmel“ – schon von Anbeginn – „die Erde still geküsst“ und das Erschaffene von diesem Liebesfunken „nun immer träumen müsst’“, der wunder-webend alles Werden aus dieser Melodie erstehen lässt und immer neu und in beständigem Überschreiten ewig blühend aus sich selber wächst. Der Zauberspiegel einer Weltenharmonie, die unser Sein verschönt, wenn aus dem Glanze ihrer Schwingung das Lied des Tages aufertönt und die zugleich als brausende Musik „in Brudersphären Wettgesang“ durch’s Weltall tost oder einer leisen Äolsharfe gleich mit ihrem Atem eine Frühlingsnacht liebkost. Dieses gefühlte Lied ist Ausdruck höchster Wirklichkeit, die in allem Wandel immer bliebe und ist nicht ihr erhabenster Gedanke die Vollkommenheit der Liebe?

Epilog

Das Herze ist so groß, zu lieben und zu bewahren diesen innerlichsten Weltenklang. Am „Anfang“ war er schon im „Wort“ wie ein von innen leuchtender Gesang. Die Welt ist außen und zugleich in mir, ist dieses Doppelte nicht ewig-gegenwärtiger Zusammenklang mit ihr? Sie zeigt uns darin ihre wirklichere Fülle, sie offenbart und preist und gleicht damit dem Kunstwerk, das über sich hinaus verweist auf einen Sinn, der erst im Widerklang erblüht, wenn unsere Seele ihn erfühlt, „denn breitet sie nicht immer wieder – nach Eichendorff – weit ihre Flügel aus, fliegt durch die stillen Lande bis zum Himmel, als flöge sie zu ihm nach Haus“.

„Lebens-Melodie“, gesprochen von Gisela Zoch-Westphal

— Für Gisela Zoch-Westphal —

Das Herz und die „fühlende Natur“ erkennen sich durch- und ineinander. Der Glaube an die göttliche Liebeskraft einer den Menschen umfangenden Schöpfung und die Glückseligkeit durch die schöpferische Kunst erhöhen das Leben des Menschen. Im Gleichnisbilde der Eichendorffschen „Mondnacht“ erfährt er dieses lösend-erlösende Wunder eines Einsseins mit der Schöpfung, eines Zusammenklangs von irdischer und überirdischer Welt … „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande bis zum Himmel, als flöge sie zu ihm nach Haus“.