Lied der Glockenblume an einen Komponisten

Aus „Morgenglanz und Einsamkeit“ hast Du ein Unantastbares erschaffen, das im Erklingen eine Blume wunderweit ins Schöne stellt, so wie „die Liebe einst entstand und in Flammen setzte eine ganze Welt“, wenn hell im Morgenglanze der Natur ein ewig schönes Lied ertönt, das leis’ im Ton der Glockenblume als „frommes Blumenlied“ die Welt verschönt. Inmitten dieses Glanzes tönt es ganz zart wie ein von innen leuchtender Gesang, darin sich ihre Blumenseele wiederfindet in einem ewigen „Glockenblumenklang“.

Zur Erinnerung an das erste Auferklingen des „naturfrommen Liedes“ einer Glockenblume.

So wie aus eigener „Gesetzlichkeit und Maß“ die natura naturans im „naturfrommen Lied“ einer Blume, einer Glockenblume, Metaphysisches ausdrückt, wird dieses Lied Formung und Seelenausdruck als natura naturata in einer geistigen Schöpfung durch den Menschen, auferklingend in der musikalischen Eigengesetzlichkeit einer Komposition. Diese korrespondierenden Entwicklungsformen kommen letztlich aus höherer Einheit, aus der, wie es der Dichter Hafis nennt, „die Liebe entstand und in Flammen setzte die ganze Welt“.

Der unerschöpfliche Quell, den wir das Göttliche nennen! Die schaffende Phantasie eines Schöpfungsgeistes hört diese Schöpfungsmelodie aus geheimem Wissen und Teilhabe an diesem metaphysischen Wiederklang in seiner Seele, er hört sie in den wesensverwandten Variationen des Schöpferischen, in der ausgebreiteten und aufertönenden Wiederkehr des immer Gleichen in der Natur, in der Seele des Menschen.

Deshalb konnte Goethe die „Glockenblumengesänge“ des Komponisten Markus Schönewolf „vorweg hören“, wie es der Goethe-Forscher Manfred Osten ausführt.

Und noch ein anderer Bezug dieser Komposition tut sich auf, auferklingend aus ihrer metaphysischen Innenseite.

Es ist der Bezug zur Eichendorffschen „Mondnacht“, die Robert Schumann so weltenzart vertonte.

Im Gedicht „Mondnacht“ ist das „Licht des Mondes“ Träger des Metaphysischen, einer ihr innewohnenden Stimmung, in der die Seele fähig und bereit ist, auch ihre feinsten Schwingungen in die Allnatur zu übertragen, die Seele, die gleichsam in das Metaphysische transzendiert und sich in dieser raumüberwindenden Sphäre in einem Welten-Ton wie in einem Lichtkosmos geborgen weiß!

Die anima candida des Komponisten verbindet sich auch hier mit diesem „Weltenlied der Natur“, das im Eichendorffschen Naturbilde des Mondesscheines aufleuchtet.

Es ist dasselbe „Lied“ einer schöpferischen Allnatur wie das „naturfromme Lied der Blumen“, das seinen Wiederklang findet im seelenverwandten Akkord des Dichters und des Komponisten.