Nachtgesang der Lucia

Prolog

O Tränen des Blutes – aufgestiegen aus verzweiflungsvoller Klage

***

Empfange meine Seele, Traum, die nicht vergessen kann, was ihr entgegenschweigt, und sich zerschmilzt in ihrem stummen Raum, da sie nur fühlt und nicht begreift.

In schwarze Leere stürzte wie ein dumpfer Klang mein Herz, das sich aus Glückes Unvergänglichkeiten nährte, und eingesponnen nur in Klagelautes Schmerz erwachte wie ein hohler Schrei, als meiner Nächte einziger Gefährte.

Seht ihr mich, Augen, die ich liebe, nicht vorübergehn? Es war der Seele Trug, der schon das Leichentuch für mich gewandet. Erschrecke nicht, es gilt nichts mehr zu flehn, gebückte Finsternis umfängt, die nur verdüstert und misshandelt.

O kalte Brust, die mich erweckte nur aus einem Fluche, der Seele Auferwachen tönte so verschwendend wie vertrauter Ton. Es klingt mein liebstes Lied so fremd in mir, ich horche aus der Stille wunderliche Laute und suche, hingeschleudert an den Rand des Himmels, deinen Schatten noch, der wie ein Hauch entfloh’n.

Siehst du nicht, wie dein Lächeln nun in feierlicher Stille steht, dem ich entsaugte alles Licht in meine Glut? Mein Geist schwankt zitternd, einer Fackel gleich, die aus dem Brausen meines Herzens wie gejagt im Sturme weht, das sich aus Grauen nährt und sich nur löschen kann aus Blut.

Epilog

Schmerz, der wie ein Riss durch eine Seele geht, verschlingt das Leben. Nach innen fällt nur Zartes, das aus Schwere bricht. Ein traurig Lied verhaucht sich unbeseelt, wie aufgegeben. Zerspaltene Liebe findet nur des Düsternisses Traumgesicht.

 

(Donizetti – Lucia di Lammermoor – Wahnsinnsarie – gesungen von Maria Callas auf YouTube)

Dieses Gedicht – nach dem Erlebnis der Donizetti-Oper „Lucia di Lammermoor“ geschrieben – ist der Versuch, den Weg der Seele in die Nacht, in die Umnachtung, darzustellen, ein Weg, der mit der Vernunft so schwer zu begreifen ist. Das menschliche Gefühl in seinem eigentümlichen Ernst, von einer Liebesbeziehung durchstrahlt, gerät durch unmittelbarsten Schmerz in eine irrationale Welt, die mit der unseren, realitätsgebundenen nichts mehr gemeinsam hat. Die Flamme des Empfindens verliert sich in betäubtes Chaos, in des „Düsternisses Traumgesicht“.