Schönheit – Freiheit – Liebeim Spannungsfeld von Natur, Geist, und Göttlichkeit

Schönheit als Erscheinung der „Wahrhaftigkeit der Natur“!

Dieser Satz – bezogen auf das „Natur-Schöne“ – hebt Schönheit auf eine Bedeutungsebene, die Schönes und Schönheits-Erfahrung auf etwas Elementares zurück führt, auf die schöpferischen Kräfte der Natur, denn lebt in diesen „Kräften“ nicht zugleich ein größeres Gesetz, das „Gesetz der Wahrhaftigkeit der Natur“, aus dem sich die Natur erkennen und deuten lässt, wie es uns Goethe mit den Worten sagt: „Die Natur hat immer recht, sie ist immer wahr, der Irrtum liegt allein beim Menschen“.

Die Natur als die große Gestalterin, die schöpferische Natur, natura naturans, die alle Erscheinungen als natura naturata hervorbringt. In der Kunst erfährt man sie als etwas schöpferisch Eigenständiges des Menschen, wie es ein großer Geist so treffend formulierte: „Kunst ist, was die Vollendetheit der Natur erreicht, aber in ihren begleitenden Ideen über sie hinaus reicht“.

Vielleicht könnte man Kunst als eine kulturelle Variante von Natur auffassen, sie wird immer eine „Erscheinung von Wirklichkeit“ bleiben wie alle Erscheinungen der Natur, auch die Blumen, deren Schönheit wir bewundern, denn erblicken wir eine Blume (wie Goethe es im tiefen Eindringen in die Dimensionen der natura naturans so schön sagt: „In den Blumen zeigt uns die Natur, wie lieb sie uns hat“ – Gott liebt die Menschen in den Blumen) dann erkennen wir darin eine schöpferische Vorgabe der Natur, eine Information der Natur, die uns in goetheschen Sinne nicht nur sichtbar, sondern auch geistig entgegen blüht.

Dieses „Geistige“, das der „Welt der Natur“ immanent ist, ist als Naturbedingtes letztlich Ausdruck einer „Welterfahrung durch Schönheit“, als eine der Schöpfung immanenten Transzendenz.

Verbinden wir nicht im Tiefsten mit den Blumen in der Fülle ihrer Farbenpracht, ihrer Formen, ihrer Düfte gleichsam auch die Fülle des Paradieses!

Denn Naturbezogenheit hat eine tiefe Bedeutung, nicht von ungefähr sprechen die Dichter in ihrem feinen Hineinfühlen in das Wesen der Blume gar von einer „Blumenseele“ und wie bekenntnisreich tönen die Worte Friedrich von Hardenbergs, genannt Novalis, die da lauten:

Die „Blaue Blume“, wie sehn’ ich mich, sie zu erblicken“!

Diese, der Natur immanente Transzendenz, drückt Goethe tiefgründig aus in seinem Gedicht „Metamorphose der Pflanzen“:

„Jede Pflanze verkündet dir nun die ewigen Gesetze, Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. Aber entzifferst du hier die heiligen Lettern, Überall siehst du sie dann in verändertem Zug.

Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt Denke, wie mannigfach die, bald jene Gestalten, Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn!“

Vielleicht hat Goethe auch vor einer Glockenblume gestanden, die er als „jene Blume bezeichnet, die lauter und lauter mit dir spricht“ als jene „mystische Blume“, die er als Pflanze in einem universalen Zusammenhang betrachtet als eine Symbolbedeutung, als idealisierende Symbolik, wie sie im Bereich der Musik dem Komponisten Markus Schönewolf in der Komposition seiner „Glockenblumengesänge“ gelingt.

Dieses – wie Rilke es nennt – „unendlichen Empfangs“ einer Schönheit und Zartheit, die sich in der Blume verkörpert und die zugleich eine metaphysische Teilhabe der Blume am Sein ausdrückt, ins Innere verschließend, es in Inneres verwandelnd und es zu Tönen verschmelzend, diese Synthese ist dem Komponisten gelungen!

Es klanglich in eine Einheit zu binden, schafft zugleich einen Einklang von „Natur und Kunst“ im goetheschen Sinne.

Das Gefühl einer tiefen Beglückung, diesen „Einklang“ nicht nur zu hören, sondern auch aus der Fülle musikalischer Eingebungen zu fühlen, das ist dem Komponisten Markus Schönewolf in seiner subtilen Tonsprache ebenso gelungen!

Rein und innig ertönt die Natur als erklingendes und als ein sehr persönliches Naturgefühl des Komponisten zu uns!

Die Komposition ist eine in sich geschlossene Klang-Welt, ein in ihrer Ausdeutung aus feinsten Motiven erklingendes Gebilde, zugleich eine musikalische Symbolbildung von wunderbarer Natürlichkeit, wie es Goethe einmal in dem Satz zusammengefasst hat: „Es ist eine Art Symbolik für’s Ohr, wonach der Gegenstand weder nachgeahmt noch gemalt wird, sondern es ist eine Imagination, die auf eine ganz eigene und unbegreifliche Weise hervorgebracht wird“!

Dieses seelisch verstandene Innen-Dasein einer Blume – verwandelt in Töne – die geheimnisvollen Zusammenhänge, die Schönes aus Wahrhaftigkeit hervorbringt und als Inneres in ihren Gestalten und Gestaltungen zu vergeistigen vermag – etwas, das Goethe in seinem Gedicht „Metamorphose der Pflanzen“ preisend verkündet – lässt es glaubhaft erscheinen, dass Goethe die „Glockenblumengesänge“ des Komponisten Markus Schönewolf „längst vorweg gehört hat“.

Wie in einer Synthese verschmelzen die „Glockenblumengesänge“ „Natur und Kunst“ zu einem Einklang, den Goethe nicht nur geistig erfasste, sondern im „naturfrommen Lied“ einer natura naturans (im Sinne Spinozas) auch hörte, indem er die Pflanzen und am Beispiel der Glockenblume diese in einem universalen Zusammenhang betrachtet als Symboldeutung eines „Schöpfungs-Liedes“, das eine metaphysische Teilhabe am Sein ausdrückt, einer uns liebend umfangenden Natur wie es uns Goethe in einem Gedicht sagt:

Ich weiß, daß mir nichts angehört Als der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen, Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein liebendes Geschick Von Grund aus läßt genießen.

Dieses „liebende Geschick“ deutet Goethe als die uns umfangende Liebe der natura naturans, die den Menschen erschafft und ihm – und allem Sein – alles schenkt, seine Gestalt, seine geistigen Fähigkeiten, seine seelische Substanz – all das ist Geschenk einer uns liebend erschaffenden Schöpfung, ein Geschenk, das auch aus diesem „naturfrommen Lied“ der Blumen zu uns tönt („Gott liebt die Menschen in den Blumen“, wie Goethe es sagt), und dieser Einklang, in musikalische Eingebung gebunden, tönt auch auf in den „Glockenblumengesängen“, die darin dem „naturfrommen Liede“ begegnen, einem Lied, das Goethe gehört hat, und deshalb auch hat er die „Glockenblumengesänge“ des Komponisten Markus Schönewolf längst vorweg gehört – wie es der Goethe-Forscher und profunde Kenner der goethischen Geisteswelt, Manfred Osten, in seiner Rede zur Uraufführung der „Glockenblumengesänge“ ausführte – denn hat nicht gerade Goethe die ins Unendliche transzendierende Schöpfungswirklichkeit – auch in der Kunst – als etwas Gleichnishaftes verstanden und gedeutet!

Rede Manfred Ostens anlässlich der Uraufführung der „Glockenblumengesänge“ des Komponisten Markus Schönewolf am 7. Oktober 2018 im Goethe-Museum, Düsseldorf

Der Gedanke Schillers, Schönheit zugleich als Freiheit zu erfahren, die nicht nur die Welt der Natur, sondern auch die Welt des Geistes und der Kunst bestimme, findet in Goethes kunsttheoretischen Gedanken im Zusammenhang mit der „Laokoon-Gruppe“ zu einer – man möchte sagen – visionären Deutung, die uns sagt, dass Gegenstände der Bildenden Kunst „natürlich und in sich selbst bedeutend“ sein müssen, d.h. die „Gesetze der Kunst“ in Übereinstimmung stehen sollten mit denen der Natur, damit ein vollendetes Kunstwerk entstehe, dass aus sich selbst heraus bedeutend und verständlich sei.

Eine im Einklang mit den Gesetzen der Natur erschaffene „Kunst-Erscheinung“ – sei es ein Bild, eine Skulptur, eine Komposition – zu einer „Kunstwahrheit“ zu steigern, ist als ein goethisches Credo seinen Kunstbetrachtungen zu entnehmen und korrespondiert mit seiner Aussage zur damit korrelierenden „Wahrheit der Natur“.

Zum Wahrheitsbegriff im Bereich der Kunst hat sich auch der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty wie folgt geäußert: „Kunst und Philosophie eine, dass sie nicht nur Spiegelung einer vorgängigen Wahrheit seien, sondern Verwirklichung von Wahrheit“.

Doch was ist unter dem Begriff „Wahrheit“ zu verstehen, einer „Natur-Wahrheit“, einer „Kunstwahrheit“, ihres Ausdrucks und Inneseins mit unserer Welt, mit der „Welt der Kunst“, der „Welt des Geistes“, mit den „Gesetzen der Welt“, diese Frage nach dem „Wesen von Wahrheit“, die schon in der Bibel im Zusammenhang mit dem Prozess Jesu als eine weltbewegende Frage gestellt wird:

„Was ist Wahrheit“?

Lässt sich diese Frage aus einem Naturgefühl, aus einem Kunstverstand, aus einer wissenschaftlichen Durchdringung überhaupt beantworten?

Wahrheit ist sicher mehr, als nur das Ergebnis einer Beweisführung, es leuchtet tatsächlich mehr aus ihr, etwas Substantielles, das seine Evidenz in sich trägt, gleichsam wie ein Leuchten aus einer höheren Ordnung, denn leuchten nicht aus der Wahrheit gleichsam „lichte Gotteskräfte als Hüter ewiger Gesetze“, die einer anderen Größenordnung anzugehören scheinen, einer Ordnung der Reinheit, der Hoheit, ewiger Gültigkeit!

Und schwingt in dieser Ordnung nicht auch noch ein emotionales Moment mit, denn man spricht nicht von ungefähr von „gefühlter Wahrheit“, wobei sich dem Wort „gefühlt“ gleichsam wie eine innige Assoziation ein weiterer seelischer Zustand hinzugesellt: Wahrheitsliebe, das Streben nach „Reinheit eines idealen Seins“, das letztlich – wie Rilke es sagt – aus der allumfassenden Liebe „als höchster Auftrag der Schöpfung an den Menschen vollbracht werden müsse!“

Von der Wirkungsmacht der Liebe kündet auch das Gedicht des österreichischen Lyrikers Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen, genannt Friedrich Halm:

Mein Herz, ich will dich fragen: Was ist denn Liebe, sag? „Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag“

Und sprich: Woher kommt Liebe? „Sie kommt und sie ist da!“ Und sprich, wie schwindet Liebe? „Die war’s nicht, der’s geschah!“

Und was ist reine Liebe? „Die ihrer selbst vergisst!“ Und wann ist Lieb am tiefsten? „Wenn sie am stillsten ist!“

Und wann ist Lieb am reichsten? „Das ist sie, wenn sie gibt“ Und sprich, wie redet Liebe? „Sie redet nicht, sie l i e b t !“

Ist durch die letzten Worte des Gedichtes nicht auf wunderbare Weise das Wesen der Liebe erfasst!

Im Lieben, nicht im Sagen, wird das innerste Wesen des Göttlichen ins Licht gehoben, in einer innigsten Schwingung, die gleichsam zu einem inneren Leuchten wird, zum allumfassenden Lebensbezug einer Schöpfungswirklichkeit, gedeutet aus den Phänomenen „Wahrheit“ und „Liebe“, die Unbestimmtes und Unvollkommenes zwar nicht auflösen können, jedoch Zeit enthoben „fähig sind zur Ewigkeit“, wie Rilke es ausdrückt, der auch „geformten Gebilden“ Ewigkeit gewährt, wie er es im Wesen der plastischen Gestaltung bei Rodin erblickt.

Ist es nicht immer erneut diese geheimnisvolle Schöpfung , die wie eine Chiffre zu uns spricht!

Sie will uns sagen, erst aus einer Vernunfterkenntnis und erfühltem Leben gewinnt der Mensch das letztlich entscheidende Verständnis zur Welt und ihrer Wirklichkeit und erst aus der höchsten Höhe dieses Gefühls, das zugleich zur höchsten inneren Verfassung des Menschen führt, aus der Liebe, erschließt sich die tiefere Wirklichkeit, die der Mensch als einen zutiefst beglückenden Zusammenhang mit dem Sein erfährt.

Nur in der Liebe erfährt der Mensch diesen „Zusammenklang mit einer Vollkommenheit“, die ihm sonst unerreichbar ist.

Der Mensch empfindet Liebe deshalb wie ein Wunder, ein Geschenk, das zu ihm kommt; er fühlt, diese Liebe nimmt ihn auf und kommt zugleich aus einem anderen, höheren Wirkungsgeschehen.

Diesen aus der Liebe aufsteigenden Bezug zum Göttlichen, dieser Glück schenkenden Liebe, die durch keine Anstrengung erreicht werden kann, kommt – wie Rilke es deutet – als Gnade über den Menschen:

„Pour trouver Dieux, il faut être heureux“!

„Um Gott zu finden, muss man glücklich sein“!

Was für ein wunderbares Bekenntnis zum Sein, was für eine wundervolle Bejahung, frei, gelöst, aufsteigend aus dem empfundenen „Glück des Daseins“!

In dieser Sphäre, in diesem größeren Ganzen, dem Wirken des Göttlichen, versagen alle inhaltlichen Deutungen, es ist der mystische Bereich, wo alles, Welt, Kunst, Form dem „Schöpfer einer geistigen Welt“ begegnen, dem mysterium magnum, wo sich die Gegensätze von „Wissen“ und „Glaube“ aufheben: In der „Liebe“!

Aus der Liebe steigt der Glaube auf – erhaben, wie Goethe es in die lebendig empfundenen Worte kleidet: „Wir wären gerettet, wenn wir doch glauben könnten“!

„Glauben können“ bedeutet daher im Tiefsten, lieben zu können und aus dieser Tiefe Vertrauen zu finden zu den geistig religiösen Hintergründen, die sich nicht unmittelbar erschließen; man findet sie in der Ausdruckssymbolik und Tiefe Bachscher Kompositionen, die gleich einer universalen musikalischen Synthese „Gott und Welt“ aus seinem tief im Religiösen verwurzelten Geist und aus der „Tonsprache seiner Seele“ erwachsen, und in der Arie „Erbarme dich“ aus der „Matthäuspassion“ ein innerstes Flehen zu dem sendet, der die Inkarnation der Liebe ist.

(J.S. Bach – Erbarme dich – gesungen von Christa Ludwig – auf YouTube)

Bachs Musikwerke sind wie „Messen in ihrer liturgischen Treue“ gleichsam „heilige Vorgänge“ – aber gleichen sie darin nicht in ihrer geistigen Schwingung dem Entstehungshintergrund gotischer Kathedralen, die wie ein „Stein gewordenes Heiligtum“, gleichsam wie ein „Dankgebet“ an die Herrlichkeit Gottes zum Himmel aufragen.

Es ist mystischer Glaube, der hier seine geistige Auferstehung feiert, etwas das einer Moderne abhanden gekommen ist, aber dennoch – zeitenthoben – als ein geistiges Licht aus diesen Bauwerken leuchtet, als ein Gefühl des Erhabenen und Unendlichen das uns in der Ergriffenheit der Seele mit den Menschen und dem Geiste der Vergangenheit eint.

Dieses „geistige Licht“ durchstrahlte das fromme Grundgefühl der Menschen des Mittelalters, es umfasste alle Bereiche, Leben und Tod, der Glaube an Gott schwebte gleichsam als „Geist über den Wassern der Unendlichkeit“. „Der Teufel und seine Versucher lauerten“ – wie Nietzsche es sagt – „überall und Versündigung galt als ein Frevel gefährlichster Art, als Frevel an der „Ewigen Liebe“, ein Frevel, der nach dem Glauben der Menschen nicht nur eine bürgerliche Strafe nach sich zog, sondern etwas viel Schrecklicheres, die ewige Verdammnis!

In den Menschen des Mittelalters lebte wie ein menschlicher Glaubensfrühling noch das Vermögen zu mystischer Schau“!

Glaube

Leben wird aus todesdunklem Frieden einst gewogen und gehet stille vor den Sternen wie ein Augenblick. Zu einem Strom von Flammentönen hingebogen, weicht dumpfe Schwere einer lichten Ordnung Blick.

Verdammte werden wie verloren in ihren Herzens Kerker hangen, von Weltverlockung und Zerstörungsgier bezwungen und ewiger Vergessenheit entgegen bangen, von unnachgiebiger Nacht verschlungen.

Erlöste schwingen sich, von Göttlichkeit erhellet und unbezwinglich aller Klarheit an, der sich ein Klang aus Freudenchören zugesellet und selige Geister führen sie hinan.

So fühlte eines „Mittelalters Glaube“! Und ewigen Wunders Kraft entströmte ewige Fülle. Der Geist der Neuzeit lächelte wie über Kinderglaube. Er denkt, dass aller Himmel seine Leere nur verhülle.

Doch um den Geist, der alles bildet, zu ergründen, musst du sein Wirken in der schaffenden Natur und in dir selbst erspähn’. Den Geist der Liebe wirst du nur im Herzen finden, den Geist der Schöpfung nur in aller Ordnung Klarheit seh’n.

Der Glaube atmet – wie ein Auferstehen – eines Weltengeistes Wille, der ewig schafft aus Unermesslichkeiten, um schweigend ein Elysium aus Schöpfungsschönheit auszubreiten und deiner Seele ein Erschauern gibt aus eines Frühlingsstrahles Stille!

Die Schwebungen des Göttlichen, dieses innere „Auferstehen im Menschen“, kommt letztlich aus dem Numinosen, eine Gottversunkenheit wird immer zu subjektiven Ausdeutungen führen, die Gefühlsinbrunst der Mystiker, ihre inneren Kämpfe, ihre zum Himmel aufsteigende Seele, stehen ebenso zeitlos als große „Visionen Gottes“ da wie die großen Werke religiöser Musik und Dichtung.

Würde man aus diesen „Visionen“ und den Erkenntnissen der heutigen Quantenphysik – in ihrem Zusammenklang aus einem Schöpfungs-Urgrunde – alle Strukturen, Gesetzmäßigkeiten und auch das Materiell-Körperliche als Abbild des Geistigen und Metaphysischen sehen – was modernen philosophischen und naturwissenschaftlichen Auffassungen nicht fremd ist – wäre das zugleich als ein Lobgesang an den Glauben, den Glauben an ein Allerhöchstes anzusehen!

Der Physiker Stephen Hawkins jedoch sieht es anders.

Sein Credo lautet: „Es gibt keinen Gott“!

Er führt in seinem letzten, als Vermächtnis gedachten Buch „Kurze Antworten auf letzte Fragen“ aus, dass alles, das Universum mit allem, was darin existiere, hervorgegangen sei aus Naturgesetzen, die sich im Moment des sogenannten Urknalls gebildet hätten und zwar aus dem Nichts! Da es zuvor keine Zeit gegeben habe, hätte – so wörtlich – „Gott somit auch keine Zeit gehabt, etwas zu erschaffen“!

Eine merkwürdige Auffassung, die das Geistige, den schaffenden Geist, geschweige denn die göttlich-schöpferische Liebeskraft, nicht mit einer einzigen Silbe erwähnt!

Hawkins nimmt nicht einmal Bezug darauf, dass Naturgesetze nach einem geistigen Wirkungsschema „funktionieren“, sie sind nach seiner Auffassung einfach aus dem Nichts erschaffen – Jagos Worte: „La Morte è il Nulla …“ tönen herüber!

Hawkins geht auch nicht auf das Phänomen des Lebendigen ein, er bezieht alles auf Materie und Naturgesetzlichkeiten, deutet aber nicht einmal im Ansatz einen geistigen Hintergrund für „Schöpfungsvorgänge“ an, etwas, das einem Physiker doch geradezu mit zwingender Stringenz allein schon aus der Mathematik evident sein müsste; denn neben vielen anderen Phänomenen aus der Geisteswelt ist doch vor allem Mathematik reinste, denkerische Logik, ist reinster Geist, wie Einstein es gesehen hat, der aufgrund der vielbewunderten geradezu wunder haft anmutenden Zusammenhänge einer Schöpfung vom Glauben an einen „kosmologischen Gott“ spricht und Gott im Bereich der Metaphysik als geistiges Wesen erkennt!

Einstein hat diese, seine Erkenntnis in dem jedermann verständlichen Satz ausgedrückt: „Wer nicht an Gott glaubt, ist dumm“!

Alles Inspirative, geistig Schöpferische, musikalisch, bildlich, dichterisch Erschaffene kann man sich ohne eine gleichsam „göttlich-inspirative“, geistige Extrapolation über das Materielle hinaus gar nicht vorstellen und die immer erneute geistige Wiedergeburt des Schöpferischen, auf erblühend aus dem lebendigen Leben, aus Geist, aus Glaube an die eigenen geistig-schöpferischen Kräfte, aus der „Liebe zum Göttlichen“ als einer geistig-seelisch auf erklingenden „Sinfonie des Lebens“, wäre ohne diese allumspannenden geistigen Kräfte gar nicht möglich!

Auch Leonardo da Vinci sieht „Materie“ nicht nur als nach Naturgesetzen bestimmte Erscheinungen an, er spricht vielmehr von „gelebter Materie“ und bezieht als ein bestimmendes Merkmal in der Kunst, aber auch in der Mathematik das Erfahrungswissen, eingebunden in die „Natur und ihre geistigen Gesetze“, mit ein.

Goethes Gedanken zur „Wahrheitsbegriff der Natur“ mit seinen auch die Kunst bestimmenden Gesetzlichkeiten sind da nicht fern!

Leonardos Begriff „gelebte Materie“ erfährt in Joseph Ratzingers Formulierung: „Materie als gedachter Materie“ noch eine Erweiterung.

Hier ist der Geist die tief in der Materie wirkende Instanz, die Kraftquelle alles Geschaffenen; Materie – wie sie die Quantenphysik letztlich als eine Erscheinungsform des Geistes erkennt!

Der Geist, der in jeder seiner vielen Inkarnationen unendlich fortschreitet – in der alles umspannenden Einheit, im Wert (s)einer Schöpfung!

Eine Erkenntnis, wie Goethe, der Tiefblickende, sie im Jahre 1823 gegenüber Eckermann so schön äußerte: „Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist Repräsentant einer ganzen Ewigkeit“.

Die Welt als ein opus metaphysicum wird nur der erfassen, der aus allen Erfahrungen seines Lebens, aus Leid, aus Glück, aus Liebe und in Demut die geheiligten Spuren eines erhabenen Schöpfers entdeckt, das Leben als ein Wunder erlebt und die göttliche Gnade erfühlt im Glauben und in der Liebe!