Und hätten der Gnade nicht …

Goethe sah das Göttliche als Seiendes, das dem Menschen begegnet. Die Erkenntnisleistung des Menschen, diese vielschichtige Symbolik des Seins, auch seine Todessymbolik, zu begreifen, folgt aus seiner Ontologie als Geist-Wesen; auch das Leben der Tiere und pflanzliches Wachsen sind letztlich „Geist-Gestalt“, nur fehlt es diesen an reflektierender Bewusstheit, doch alle sind in ihrer ständigen Entwicklung systematisch geordnet, Ordnung und Gestaltwerdung, die das Seiende transzendieren, denn stehen das Sein und seine Bedeutungen nicht in einem inneren, transzendenten Zusammenhang aus einer Kraft aufsteigend, die wir in der Kunst den „göttlichen Funken“ nennen, dieser „Funken“, der uns aus so vielen individuellen Deutungen und Schöpfungen entgegen leuchtet, Kunst als schöpferische Synthese mit dem Göttlichen, eines Göttlichen, das Goethe auch in der aufleuchtenden Chiffreschrift der Natur erkennt, das Göttliche, vor dem – in der religiösen Welt – das Christentum kniet und es zugleich beweint, weil es fühlt, das eine Welt ohne Liebe zugrunde geht, einer „Liebe“, die sie selbst „ans Kreuz“ geschlagen hat.

Vielleicht sehen Kinderaugen noch ins Unbegrenzte, in die ausgespannte Ewigkeit, weil sie noch den Himmel in sich tragen, weil sie an ihn glauben, weil ihre Seele sieht.

Vielleicht fühlen sich Kinder deshalb auch immer zu Recht beschenkt, gleichsam wie aus einer höheren Wirklichkeit, denn hat uns nicht ein „Kind in der Krippe“ – aus ewigem Rat – das Heiligste geschenkt: Ein göttliches Wunder!

Auch unsere „Seele sieht“, wenn wir an dieses „Wunder“ glauben, spüren, wenn es uns geschieht und ahnen, dass wir in solchen Augenblicken von Gott Beschenkte sind!

Solche Augenblicke auch sagen uns, das Profane des Lebens, Sorge und Mühe für einen Augenblick zu vergessen und dem Quell zu lauschen, der wie ein „Liebes-Lied des Göttlichen“ in uns aufrauscht, sich unserer Seele anvertraut.

So wie sich dieser „Quell einer unendlichen Melodie“ auch Franz Schubert „anvertraute“, denn wenn auch aus seiner Seelenlandschaft so tragische Töne wie in seiner Komposition der „Winterreise“ ertönen, hat Schubert zugleich auch so unirdisch-schöne Kompositionen erschaffen, so aufhellend ins Transzendente erhöht, wie die Lied-Komposition nach einem Goethe Gedicht: „Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer vom Meere strahlt, ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer in Bildern malt…“ oder der musikalisch-verklärende Tiefblick, wo man meint, das irdische, sorgenbelastete Leben setze für einen Augenblick aus wie im Adagio Satz seiner Unvollendeten Symphonie Nr. 8, der so erlösend und mild-verklärend zu unserer Seele tönt.

Man erfährt, wie Schubert in seiner Hingabe an das „Göttlich-Elementare in der Kunst“ das tiefste Signum dieses Göttlichen erfasst, es so erschütternd, so selig, in seiner unendlich musikalisch erblühenden Phantasie auszudrücken vermag, so wie J.S. Bach in tief innerer Auseinandersetzung mit Gott und Welt – christlich überhöht – das „heilige Wirken“ des Göttlichen“ in eine gebändigte, musikalisch vollendete Form umsetzte.

Beim Hören der Musik Bachs erlebt man gleichsam als Mysterium das „Aufleuchten der göttlichen Ordnung durch die Hülle ihrer Erscheinungen“ wie es Platon in der Erscheinung des Schönen gesehen hat, denn „leuchtet“ nicht das Erhabene und Schöne der Musik Bachs als „Innerstes dieser Klang-Erscheinungen“ auf ewig zu unserer Seele?

Dieser Klang- und Lebensreichtum, den uns die wundersam-schöpferischen Ton-Poeten mit ihrer Kunst schenken, sind letztlich „musikalische Gleichnisbilder“, entsprungen aus einer Schöpfung, deren Seelenheimat „Liebe“ lautet, Liebe aus Tönen gewebt, so als wollten sie uns sagen: „Kunst sei das tief-innere Geständnis von Liebe“! „Schöpfung“ und „Liebe“ atmen gleichsam den göttlichen Urgrund, dem sie entsprossen; etwas Gleichgeartetes leuchtet darin auf, so – wie aus umhüllter Nacht – die Worte Schopenhauers leuchten: „Musik ist metaphysische Tätigkeit!“

Worte, die uns sagen mögen, dass Unaussprechliches, nur Erfühlbares durch die Umsetzung in Musik zum Ereignis wird als ein metaphysisches, beglückendes Erklingen im wesensverwandten Akkord unserer Seele.

So verstanden, erfahren wir wie ein Geheimnis, dass aus den Werken der Kunst gleichsam Gottes Gegenwart leuchtet, eine unsichtbare, überhöhende Gegenwart, wie sie uns gleichnishaft auch in der Natur entgegen leuchtet; Goethes Naturverständnis lebte aus diesem harmonischen Gefühl eines Einssein mit dem All, er fühlte das Aufleuchten der Gottheit in der Natur zugleich als eine innige Gefühlsbelebung in der eigenen Brust; strahlt sie nicht als innerer Klang aus seinen Naturgedichten über alle Zeiten hinaus?

Die Ewigkeit des Seins

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt.
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendigen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.
Goethe

Der Mythos des Seins, durch den der Mensch immer wieder ergriffen wird im Erleben der Natur als deren tiefsten Grund er die große Einheit einer jenseitigen Wirklichkeit erahnt.

Die Seele vermeint geradezu eine Gleich-Gestimmtheit mit der Natur zu verspüren, so wie es Lou Andreas Salome in einem Brief an R.M. Rilke ausdrückt: „Man kann doch die Blätter und Blütenköpfchen nicht sehen, ohne zu wissen, man ist ihnen verwandt“ – schrieb sie – „Der Frühling sagt es so laut, dass auch wir Frühlinge sind. Denn das ist der Grund unseres Entzückens an ihm“!

Eine Gefühlswelt, wie sie so feinfühlig auch aus dem melodischen Klang-Zauber in Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ aufertönt, einer Oper, aus der ein poetischer Naturzauber aus dem Klang des Waldes erwächst bis weit in das Gemüt der Kinderseele hinein strahlend, diese musikalische Natur des geheimnisvollen Waldes, aus dem zugleich eine dämonische Hexenwelt aufsteigt und unsere Seele – gleichsam wie entrückt – im „Abendsegen“ eine kindlich-gläubige Reinheit „atmet“!

(Humperdinck – Hänsel und Gretel – Oper Leipzig 1981, Dirigent: H. Gurgel – auf YouTube)

(Humperdinck – Hänsel und Gretel – Puppenspielfilm von 1954 – auf YouTube)

Es wird immer ein Geheimnis und besonderer Zauber bleiben, die wesensverwobene Tiefe der Natur aufleuchten zu lassen, wie sie auch aus den „Glockenblumen-Gesängen“ des Komponisten Markus Schönewolf auf erstrahlt, Naturbetrachtungen, ausgedrückt in Klangfarben, verwandelte Symbole, die gleichsam ein holdes Rauschen und Klingen wie eine lichte Vision zu uns tragen. Wundergestalten – gleichsam ohne irdische Schwere – verschmelzen in Anmut und Schönheit zu einer Natur- und Seelenwelt aus Klängen, die die Instrumente, Viola Campanula und Harfe, in diesem klanglichen Farbenspiel so leuchtend offenbaren, erfühlte Klänge – neu erschaffen, von feinster, melodienreicher Gestaltung mit immer neuen Ausdruckssteigerungen – und lichterhellt, so wie die Natur in uns wirkt und lebt.

Auch die Komposition „Der Nymphe Tanz – Lied zur Nacht“ ist eine bezaubernde musikalische Naturstudie, eine Tonmalerei von Anmut und schwebender Natürlichkeit.

„Der Nymphe Tanz“ entsteigt gleichsam aus feinsten, musikalischen Nuancierungen als eine poetische Klanggestalt aus der Nacht, eine Impression des Phantastischen, das sich in reines, Musikalisches auflöst und etwas anderes, Märchenhaftes, auszudrücken vermag.

(Markus Schönewolf – Komposition: Der Nymphe Tanz – Lied zur Nacht, – gespielt von Ágnes-Klára Sándor, Flöte auf YouTube)

Es scheint, dass schöpferische Menschen von Geburt an – gleichsam durch Gnade – eine unaussprechliche Fülle an außerordentlicher Empfindungstiefe empfangen haben, eine Fähigkeit zu schöpferischer Durchdringung der tieferen Schaffensgesetze, die zu den Urbildern führen und zugleich eine andere Welt erahnen lassen.

Jene unirdische Welt, die wir auch im „Weihnachts-Geheimnis“ erahnen, das uns immer erneut mit unermesslicher Freude erfüllt, das Erlebnis des Weihnachs-Wunders, das wir nur mit der Seele erleben können, jenen überirdischen Frieden zu fühlen – wenn auch nur für einen Moment – in einer Welt voller Gewalt, Hass und Grausamkeit, einer Welt, die auch schon so war, als das „Kind in der Krippe“ geboren wurde; doch musste es mit seinem Sein nicht gerade in diese Welt geboren werden!

Die Weihnachtsbotschaft des Kindes als Weihnachtsgnade!

Sie so zu begreifen, ist einer Empfindung des Einzelnen zugemessen, denn nur zur Seele strahlt jene unirdische Botschaft des Engels: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“!

Diese Botschaft, die den Menschen mit der ersten Weihnacht vom Himmel gebracht wurde.

Der Advent stimmt uns auf diese Weihnachtsbotschaft ein; Rilke vermochte sogar, diese „Frohe Botschaft“ in seinem Gedicht “Advent“ zu einem „inneren Leuchten“ in der Natur zu machen!

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt.
Und manche Tanne ahnt,
wie balde sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus!
Den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin, bereit.
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.
Rilke

Das Licht, das den Advent belebt, erstrahlt letztlich aus der Magie des Herzens, aus dem unzerreißbaren Band, den das Göttliche um unsere Herzen geschlungen hat!

Vielleicht erleben Kinder die glücklichsten Momente ihrer Kinder-Weihnacht aus diesem Geheimnis, weil ihre „Himmels-Augen“ diesen heiligen Spuren noch folgen können, diesem göttlichen „opus metaphysicum“, aus dem wie ein stummer Glanz die Worte leuchten: ….“Und wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder…“

Diese heimliche Zeit, die beziehungsvoll so viel Schönheit in sich vereinigt: Adventszeit!

Advent

Heimliche Zeit,
die leis’ zu goldenem Glanze reift.
Als habe eine höhere Macht
uns Licht von einem hellen Stern gebracht,
der einst die Welt mit Glanz erfüllte
wie von tausend Sternen!


Und Engel schwebten sacht der Erd’ entgegen,
da ward der „Sohn“ der Welt gegeben.


Und wieder streift ein heller Schein
hernieder sinkend winterlichen Wald.
Die Sterne wirken plötzlich nicht mehr kalt.
Und wundersamer steiget Tannenduft in die kristallene Nacht,
aus der in lauschender Erwartung
der Friede Gottes bald erwacht.


Dieser Friede – aufleuchtend aus dem mythischen Hintergrund einer Engelsvision – spricht er nicht aus der Tiefe des Göttlichen wie aus aller Ewigkeit zu uns!

Den Hirten auf dem Felde erschien die Verkündigung dieses Friedens wie ein wunderhaft-überirdischer Traum, doch dieser „Traum“ steht als eine überrationale Wahrheit über allen Menschen und Zeiten, denn lebt nicht das Göttliche tief im Menschen als seelischer Archetypus, auf erstrahlend aus dem transzendenten Geheimnis der göttlicher Gnade!

Auf diese Weise mit Gott verbundene Menschen, die auf ihr Leben zurück blicken, gewinnen eine sich zunehmend zur Gewissheit verdichtende Erkenntnis, dass in ihrem Leben, in ihren entscheidenden existentiellen Entwicklungen – äußerer und innerer Art – in der Beseeligung durch Kunst, in Begegnungen mit Menschen, die uns Hilfe und Glück schenken, in Lebenskrisen, im geheimen Wechselgespräch mit Gott eine wunderbare Weisheit und rettende Liebe diese Entwicklungen, Zusammenhänge und Geschehnisse bewirken und dem Menschen das letztlich Entscheidende – Liebesfähigkeit – als Gnade widerfährt!

Der Glaube und die Hingabe an diese bedeutungsvollen Zusammenhänge, das Eingebundensein in diese „göttlich-schöpferische Liebeskraft“ – wie Joseph Ratzinger sie nennt – das Wirken Gottes als allumfassende Ordnung zu erkennen und diese inneren Gesetze auch musikalisch aufzuzeigen, ist vor allem J.S. Bach als bedeutende, geistesgeschichtliche Tat gelungen.

Das ewig Erhebende seiner Musik erstrahlt aus der harmonischen Einheit des „Wahren, Schönen und Guten“, seine Musik ist mit Hören allein nicht erfassbar, erst der tief in die Musik gesenkte religiöse Geist lässt den eigentlichen Gehalt dieser göttlich „ewigen Melodie“, wie Goethe sie nannte, als „Harmonie der Welt“ in unserer Seele Ereignis werden.

Bach zeigt uns darin eine innere Welt auf, die eine reinere, höhere Sphäre in sich trägt, in deren widerspiegelnden Klängen sich die Seele des Menschen geborgen weiß.

Das in unserer Zeit schon fast Verlorene findet – so berührt – den Weg zum Geretteten!

Erfüllt Bachs allumfassende Deutung dieser göttlichen Welt- und Lebenswirklichkeit damit nicht zugleich eine höhere Wahrheit, wie sie sich aus den Worten ergibt: „Ihr sollt mich anbeten im Geiste und in der Wahrheit“!

Man erfährt, dass Künstler, aber auch der religiöse, von Gott berührte Mensch – man denke an die Mystiker – einen Zugang zum Sein besitzen, der sich auch über strukturell philosophische Probleme, wie das der Unangemessenheit sprachlicher Mittel, hinweg zu setzen vermag.

Religion, Kunst und Philosophie vereint nicht nur die Annäherung an eine schweigende höhere Welt, sondern – gerade weil sie sich mit dieser auseinander setzen – auch deren Erkenntnis und Durchdringung und damit im Erkennen der Grenzen jeder Reflexion auch das, was sich nach wissenschaftlicher Methode als unerreichbar herausgestellt hat, nämlich die Durchdringung des Seins selbst.

So heimgefunden zum mystischen Hintergrund, vollendet sich im schöpferischen Menschen – man denke an den Genius Mozart – dieser Realisierungs- bzw. Übertragungsprozess des „sichtbar-unsichtbaren Seins“ in die eigene Wirklichkeit, es transzendiert als etwas Gleichnishaftes in seine Kunst, es wird dort subjektiv und zugleich unmittelbar im „Reiche der Ideen“ auch objektiv existent und es ist sinnerfüllt, weil es in diesem „Reiche“ das Ideelle zu erschauen vermag – das Phänomen der Synchronizität C.G. Jungs leuchtet hier im „Zusammenhang mit Kunst“ auf im geheimen Zusammenwirken eines geistigen und materiellen Geschehens in einem zeitgleich-sinnvollen Zusammenfallen.

„Wir sind durch unsere Seele angeschlossen an eine transpersonale Hintergrundinstanz, an ein „morphogenetisches Feld“, an ein dynamisches Ordnungsprinzip, das etwas will von uns. Die Chinesen nennen es TAO, wir können es auch das Göttliche nennen“ so führt es der C.G. Jung Schüler Karlheinz Röder aus, „synchronistische Phänomene beruhten auf Impulsen aus der transzendenten Hintergrund-Instanz des Seins“.

„C.G. Jung hatte erkannt, dass hinter synchronistischen Phänomenen immer ein Archetypus, ein Urbild, ein Wirkfeld mit hoher energetischer Ladung steht, das sich ausdrücken-, im Bewusstsein Wirklichkeit werden will“.

Für C.G. Jung hat die Seele zugleich am inneren Sein – der Welt der Archetypen – und am äußeren Sein – der materiellen Welt – teil, die Seele berühre damit das Geheimnis des Stofflichen und des Geistes gleichermaßen, der „Weltstoff Geist-Materie“ wirke in beiden Bereichen – im äußeren und im inneren Sein – als Ausformungen und Gestaltungen eines transzendenten Sinninhaltes.

„Jung spricht einmal“ – so K. Röder – „von Christus als dem Archetyp der (höchsten) Bewusstwerdung, das bedeutet, Christus ist der Archetyp der Schöpfung, der neuen Schöpfung“ und das würde mit seinen eigenen Worten übereinstimmen: „Ich werde alles neu machen“.

Ein anderes Zitat C.G. Jungs lautet: „Die Synchronizität ist nicht rätselhafter oder geheimnisvoller, als die Diskontinuitäten in der Physik“ und die aus der Antike stammende Lehre von der „Sympathie aller Dinge“ beruhe auf dem Glauben eines universalen göttlichen Prinzips, eines Prinzips, das sich auch im kleinsten Teilchen finde und darum mit allen anderen Teilen und Ganzen übereinstimme“.

Liebe und Inspiration bedingen die Beseeltheit dieses „Ganzen“, so möchte man es glauben, ein „symbolhafter Zusammenklang“, der sich in der Symboltiefe übersinnlicher Dinge ausspricht, wie sie die Weltbetrachtung und Erkenntnis C.G. Jungs uns aufzeigen.

Jenseitiges und Irreales verbinden sich im Lebensspiel, bewegt aus der außerweltlich-göttlichen Sphäre der Gnade, so möchte es der Glaube nennen!

Künstler und Mystiker erleben, wie über dieser anverwandelten Realisierung einer höheren Sichtbarkeit wiederum ein „Unsichtbares“ steht, die Kraft, der „göttliche Funke“, der es vermag, diese „reine Leistung“, wie Rilke sie nennt, zu vollbringen, auch hier getragen vom Wunder einer göttlichen Gnade.

Wir messen solchen Werken Unsterblichkeit bei, sie lebt in jedem echten Kunstwerk, unermesslich wie es Goethes Worte an Schiller ausdrücken: „Ich glaube, dass alles, was das Genie als Genie tut, unbewusst geschehe… Kein Werk des Genies kann durch Reflexion verbessert werden…“!

Kunst als die unendliche „sakrale Sinfonie“ des Göttlichen!

Erwachsen daraus nicht auch Kraft und Würde des Menschen, im stillen Einverständnis mit der Schöpfung aus göttlicher Gnade das ewig flutende Leben so mit gestaltend durchdringen und beseelen zu dürfen, denn:

Der Mensch nur in endloser Weite ist frei,
wer hilft ihm, weist ihm die Richtung?
In vergänglichen Wesen lebt unvergänglich der Geist,
die Ursubstanz, die in alles verwoben, immerzu kreist.
Im kleinsten Kristalle, in des Universums brausendem Tanze.
Lerne o Mensch, die Chiffreschrift lesen
und lerne, zu staunen!
HOH

Zu staunen über die in mystische Zonen reichende Begegnung von Natur, Geist und Seele!

Ist es nicht gleichsam von Gott gewollt, wenn sie sich in ihrem „Einssein“ erkennen als Transfigurationen aus ewigen Gesetzen?

Aus ihrem Zusammenspiel entsteht nach theologischer Auffassung die Freiheit des Menschen als eine von Gott geschenkte Gnade, der Mensch sei aus dieser Freiheit weder zum Guten, noch zum Bösen determiniert, erst aus der Willensfreiheit erwachse seine Entscheidung, Gutes oder Böses zu tun, denn im Menschen lebe eine „Vernunft und Liebe“ verbindende Kraft als „Gnadenstrahl des Göttlichen“ – so sieht es Joseph Ratzinger – „die innere Gnadenwirkung dieses „göttlichen Strahles“ setze Liebe anstelle der Eigensucht, wobei Dauer und Wirkung der Gnade reines Gnadengeschenk Gottes seien – ihr gegenüber gebe es keine Freiheit des Willens“.

Grundaussagen zur Gnadenlehre finden sich bei Luther ausgehend von der ihn bis in seine tiefsten Tiefen aufwühlenden Frage: Wie erfahre ich einen „gnädigen Gott“ – wie kann der Mensch vor Gott gerecht / gerettet werden?

Luther zweifelte daran, dass allein „gute Werke“ des Menschen im Jüngsten Gericht Gott gnädig stimmen würden, die Angst vor ewiger Verdammnis – wie sie so viele Menschen der damaligen Zeit erfüllte – quälte auch ihn, er begriff, dass Ablassbriefe keine Rettung bringen würden – und er vertiefte sich in die Bibel, Wort für Wort; er las, er erfasste, er fühlte die beglückende Wahrheit ihrer „Frohen Botschaft“ – er spürte aus den offenbarenden Worten die Nähe Gottes, er „erlebte“ Erkenntnis und seelische Verwandlung, alles, was nun sein Leben und sein Gottvertrauen bestimmte: Die Erkenntnis, dass der Mensch allein aus „Glaube“ und der „Gnade Gottes“ gerettet und durch Christus befreit wird von der eigenen Schuld.

Luther erkannte, dass der Mensch dieses Gnadengeschenk als Begnadeter einer metaphysischen Wahrheit erfährt im Glauben an ein göttliches Mysterium – er erkannte die Realität dieser Gnade als „Auftrag“ und „Botschaft der Liebe“ zu Gott und zu den Menschen!

Diese Gnade und Liebe werden den Menschen – so empor gehoben – verändern, dies wurde für Luther unumstößliche Gewissheit – und die „guten Werke“ folgten daraus dann von selbst; sie seien nicht Voraussetzung für Gottes Gnade, sondern die Folge von Gottes Gnadenzusage an den Menschen.

Betrachtet man diese – aus katholischer und lutherischer Sicht – unterschiedlichen Aussagen zur „Rechtfertigungslehre“, der „Gerechtigkeit des Menschen vor Gott“ aus der schöpferischen, d.h. der ursprünglichen Wirklichkeitsnähe des Menschen zu Gott, könnte noch eine andere Auffassung vertreten werden, die ihre „Rechtfertigung“ aus der „Liebe“ erfährt, unabhängig vom „Glauben“ oder „guten Werken“, aus einem „Geist der Liebe“, wie sie uns im Höchsten aus dem Geheimnis der Person Christi entgegenleuchtet.

Die Liebesfähigkeit – die „Liebe“ – des Menschen als elementarstes Bekenntnis zum Leben und zu Gott im Zugehörigkeitsbewusstsein zu einer göttlichen Schöpfung wäre damit ein höchster „Zusammenklang mit Gott“ und wenn man diesem Gedanken die Worte Joseph Ratzingers zugrunde legt: „deus caritas est“, wäre der Mensch gleichsam in der „Liebe“ Gott unmittelbar am nächsten, mehr noch als im „Glauben“ oder in „guten Werken“, denn Liebe leuchtet aus einem Mysterium und wo Liebe ist, da ist immer Gott selbst nahe. Dies würde bedeuten, dass der „Geist der Liebe“, den der Mensch in sich trägt, als stärkste wirkende Kraft ihn im Tiefsten vor Gott gerecht / gerettet machte.

Tönt in diesem Zusammenhang nicht auch der bedeutungsvolle Satz zu uns: „Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größeste unter ihnen…“ diese tiefernste, große, überwältigende Aussage, die uns sagt: In der Liebe neigt sich der Mensch zum Innersten der Welt, zu Gott, und wenn Liebe aufhören würde zu existieren, dann würde Gott nicht mehr existieren, aber die Seele sagt uns tief innen ihre Antwort: Sie dürstet nach Gott, in der Seele empfindet der Mensch das Unbegreifliche, das Unendliche, den tiefsten Kern der Schöpfung, die Liebe ist fruchtbarer, als alle gedankliche Objektivität – und sagen uns nicht auch die Weisen aller Zeiten: „Man erkennt im Tiefsten nur, was man liebt“!

In diesem Spannungsfeld zwischen Freiheit, heiliger Sphäre und Gefährdungen lebt der Mensch in der Möglichkeit, sich hinauf zu heben zu einem „liebesfähigen Menschen“ – und durch Gnade bis zur Verbindung mit dem Göttlichen durch diese „Kraft der Liebe“.

Gleichsam aus der Tiefe und in künstlerischer Bezogenheit zu Luthers geistiger Kraft und Seelengröße komponierte Felix Mendelssohn-Bartholdy zu seinem Gedenken die „Reformationssymphonie“ Nr. 5 d-Moll op.107, aus der zugleich eine Vertrautheit mit den Werken J.S. Bachs tönt und musikalisch beziehungsvoll – wie aus Luthers eigener Tiefe beschenkt – dessen wunderbares Kirchenlied: „Ein feste Burg ist unser Gott…“.

Diese trotz aller Strahlkraft des kritisch-lutherischen Geistes so düsteren Hintergründe der Reformation sowie die unterschiedlichen Auslegungen der katholischen und der lutherischen „Rechtfertigungslehre“ waren eine der Hauptgründe der abendländischen Kirchenspaltung mit dem schrecklichen „Dreißigjährigen Krieg“, doch in Gemeinsamen Erklärungen insbesondere aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Verständigung in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre, die ihre Kernaussage in der übereinstimmigen Aussage findet, die da lautet:

„Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.“

Im wesenhaften Bezug zum Göttlichen bekennen sich Lutheraner und Katholiken vor allem – und darin findet sich eine höhere Gemeinsamkeit – zu Christus als Mittler zu Gott, in dem sich alle Glaubenswahrheiten vereinigen.

Luther hat damit wesentlich dazu beigetragen, dass der Mensch die Urangst vor Gott, dem rächenden Gott des alten Testaments, der Hölle und Verdammnis verlieren- und stattdessen durch das Urvertrauen an einen gnädigen, gütigen Gott ersetzen konnte.

Auch der Gedanke Immanuel Kants leuchtet aus diesem erkenntnishaften Zusammenhang auf, dass das Beste, was gedacht werden könne, der „gute Wille“ sei und nicht die „gute Tat“, denn auch hier folgten die guten Werke erst aus dem guten Willen.

Man meint aus Kants Worten die gewaltige Stimme des „Einen“ zu hören, die als Absolutes, als göttliche Einheit in allem waltet, eine „Stimme“, an die Kant glaubt, wenn er sagt: „Ich musste das Wissen beiseite tun, um zum Glauben zu kommen.“

Bei Kant findet „das philosophische Denken“ in der Absolutheit einer „höheren Ordnung“ zur geistig-ethischen Ordnung, in der er die ewigen Wahrheiten findet und seine Worte: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht…Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir“ verweisen aus der Tiefe seiner Gedanken auf das Erhabene dieses Weltengrundes.

Ein Zusammenklang, der an das Weltempfinden Goethes denken lässt in seinen Worten: „Grosse Gedanken und ein reines Herz, das ist’s, was wir uns von Gott erbitten sollten“!

Sätze, die über alle zeitlichen Grenzen hinaus Erhabenes, Rationales und Überrationales verbinden.

Auch aus Goethes Worten in seiner „Faustdichtung“ leuchtet die „Gnadenlehre Luthers“ auf in den Worten: „ Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen…“ Es lebt darin der über alle Zeiten hinausreichende Glaube an das „Wahre, Schöne, Gute“ – der Anklang an das Göttliche bis hin zum Geheimnis einer unio mystica .

Bei C.G. Jung findet man diesen Gedanken einer „heiligenden Gnade“ im Phänomen der Transsubstantiation, die Darbringung der Gaben bestehe hier in ihrer Heiligung durch Gott und der Priester, der diese Handlung vollziehe, sei nur der „Gnade Diener“ und selbst dieses noch habe er aus der Gnade und nicht aus sich selbst.

In der „heiligen Wandlung“, der „consecratio“, – so C.G. Jung – leuchte die Gnade auf in Christus, dieser sei in diesem Augenblick gegenwärtig in Zeit und Raum als Sichtbarwerdung einer in Ewigkeit bestehenden Tatsache, gleichsam als geschehe eine Zerreißung zeitlicher und räumlicher Bedingtheit, welche den menschlichen Geist von der Schau des Ewigen trenne. Dieses Geschehen sei notwendigerweise ein Mysterium jenseits menschlicher Erfassungs- und Darstellungskraft.“

Solche Gedanken scheinen zugleich aus einer anderen, mittelalterlichen Zeit zu uns herüber zu wehen!

Nietzsche führt dazu aus: „Die Dinge dieser Zeit wirkten verändert, hatten andere Farben, eine andere geistige Beleuchtung. Wir verstehen sicher nicht mehr, wie diese Menschen das Nächste und das Höchste empfanden, aber dadurch, dass sie noch an Überweltliches glaubten, hatte das wache Leben andere Lichter, das ganze Leben schon mit der Zurückstrahlung des Todes in das lebendige Leben hatte eine andere Bedeutung.

Unser Tod ist ein anderer Tod!

Alles Leben, alle menschlichen Erlebnisse leuchteten anders, denn Gott strahlte aus ihnen, alle Entschlüsse und Aussichten auf die fernere Zukunft schwebten gleichsam auf dem Meere der Ewigkeit, denn Unendlichkeit und auch die Wahrheit wurden anders empfunden. Auch das Unrecht wirkte anders auf das Gefühl, denn man fürchtete eine göttliche Vergeltung und nicht nur eine bürgerliche Strafe. Wie anders wurden Lust und Freude empfunden in einer Zeit, in der man glaubte, der Teufel und seine Versucher lauerten darin, etwas, was als Versündigung der gefährlichsten Art empfunden wurde, als Frevel an der „Ewigen Liebe“!

Nietzsche glaubte, das Vermögen zu mystischer Schau sei nun erschöpft, doch im „Universum der Kunstschöpfungen“ lebt ihre visionäre Kraft fort und das religiöse Gefühl erschafft sich in Kunstschöpfungen immer wieder neue Ausdruckssphären.

Auch für Beethoven war Gott ein fester Hort, seine Worte: „Meine Ehre ist mir nächst Gott das Höchste“ zeugen davon und sein Gebet: „O Gottheit, leite meinen Geist, o hebe ihn aus dieser schweren Tiefe, durch deine Kraft entzückt, damit er furchtlos aufwärts strebe in feurigem Schwunge, Denn Du, Du weißt allein, Du kannst allein begeistern! – verweist auf den Quell der nie versiegenden „schöpferischen Kraft“ des Beethovenschen Genies.

Bei Worten aus diesem Seelenschwunge denkt man sogleich an die „missa solemnis“, diese bedeutungsvolle, große Festmesse.

Beethoven war von diesem Messetext zutiefst ergriffen, der existentielle Vorgang einer Begegnung mit dem Überirdischen, gleich einer „lichtdurchstrahlten Erleuchtung“!

Man sagt, Beethovens Gottesvorstellung habe sich während der Messekomposition noch vertieft, wie es uns seine Worte sagen: „Höheres gibt es nicht, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten.“

Leuchtet daraus nicht auch ein Glaube auf, dass Beethoven seine Klangwelten als Gnade dessen empfand, der den wahren Welten-Klang erschafft!

(Beethoven – Missa Solemnis – Dirigent: John Eliot Gardiner – Dom zu Lübeck)

Die geheimnisvolle Innengestalt der Liebe zeigt besonders anrührend Rilke auf in der Übertragung – man möchte sagen, der poetisch erfühlten Nachdichtung – der „Portugiesischen Briefe“ einer Nonne, Marianna Alcoforado, aus dem 17. Jahrhundert, die ihre Liebe einem jungen französischen Offizier schenkte, einem oberflächlichen Menschen, der sie bald verlies.

Ihre anrührenden Liebesklagen ergreifen uns über alle Zeit hinweg und ihre Liebe dauerte unvergänglich bis zu ihrem letzten Atemzuge als sie in das Mysterium einer „ewigen Liebe“ entschwebte, in der sie endlich den ersehnten Seelenfrieden fand , denn wie das Klosterbuch rühmte, sei sie gestorben, „wie eine, die das Zeichen der Gnade trägt“.

Rilke lässt diese Liebe in seinen nachdichtenden Worten im Umschatten des Todes zu einer Apotheose der Erlösung werden!

Auch bei einem „Liebesideal“, wie es uns in Shakespeares „Romeo und Julia“ begegnet, werden die verschlungenen Wege durch die Liebenden bestimmt, einer Liebe, die zugleich von einem höheren Prinzip kündet.

Es ist die Liebe zweier Gefühlsmenschen, die durch den Tod gegangen- und dadurch zu ihrer höchsten Vollendung herangereift ist. Aber vielleicht liegt, trotz aller Wehmut, die uns beim Geschick der Liebenden ergreift, das Wunderbare darin, dass sie damit die „letzte Ordnung der Dinge“ bewahrten.

Einer göttlichen Ordnung, die auch in der ausgebreiteten Vielfalt der Natur so strahlend aufleuchtet!

Könnte ihre geistige Ausdeutung nicht Schönheit lauten?

Natur, in deinen dunklen Gründen
ruhet aller Schönheit Maß,
dass du im Schweigen aus den großen Dingen
wie eine Chiffre offenbarst.
Im Untergange ward das Schicksal
heilig allem Widerstand entrungen,
denn Liebe, die sich mit dem Tod verbindet,
bleibt grenzenlos und unbezwungen.

Natur verkörpert das Sein, aber es liegt mehr in ihr; verkörpert sie nicht zugleich in ihren Gestaltungen das Überwirkliche als glückliche Synthese von Materie und geistiger Inspiration?

So schreibt Joseph Ratzinger , der die Welt als ein göttlich geschaffenes Werk sieht:

„Das Sein ließe sich auf zwei Grundmöglichkeiten zurück führen: Die erste, nächstliegende, würde etwa so lauten: Alles, was wir antreffen, ist im Letzten Stoff, Materie; sie ist das Einzige, was als nachweisliche Realität immer wieder übrigbleibt; sie stellt folglich das einzige Sein des Seienden dar – dies ist der materialistische Weg.

Die andere Möglichkeit weist in die entgegen gesetzte Richtung.

Sie sagt, wer die Materie zu Ende betrachtet, wird entdecken, dass sie Gedachtsein, objektivierter Gedanke ist. So kann sie nicht das Letzte sein. Vor ihr steht vielmehr das Denken, die Idee.

Alles Sein ist letzten Endes Gedacht-Sein und ist auf Geist als Ur-Wirklichkeit zurückzuführen“.

Man möchte diese Auffassung über den Geist – weit über das Phänomen des menschlichen Geistes hinaus reichend – dem alles durchdringenden und gestaltenden „Weltengeist“ zuordnen, dem die Gesetze der Welt gehorchen als Grund alles Seins und Daseins.

Die Vollkommenheit dieses Geistigen als Gestalt gewordene Schönheit – so empfindet es die Seele – zeigt sich in der Schönheit und Erhabenheit von Kunst in ihrer ethisch-inspirativen Welt und die Worte Schillers: „Was wir als Schönheit hier empfunden, wird uns als Wahrheit einst entgegen gehen“, bringt diese Vorstellung zum Ausdruck, dass sich ein – man möchte sagen „aus der Tiefe des Weltengeistes durch den Künstler Erschaffenes“ – als Wahrheit des Vollkommenen offenbare.

Die Menschen glauben, dass vom Genie ein schöpferischer „Strahl der Vollkommenheit“ aus der „Geist-Natur“ hervor gehe, wie er aus dem Werke Bachs, Mozarts, Goethes, Michelangelos und anderer großer Geister aufleuchtet.

Für die Menschen erscheint es zugleich wie ein Wunder, einem Geiste aus dem Reiche des „Wahren, Schönen, Guten“ zu begegnen, wie es aus den Worten Schillers tönt, der selbst jenem Reiche angehört:

„Doch höher stets, zu immer höheren Höhen
Schwang sich das schaffende Genie:
Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen entstehen,
aus Harmonien Harmonie“

Harmonie, die aus dem Weltengeiste tönt!

Es ist dieselbe Harmonie, die Kant als „ethisches Urphänomen“ deutet.

Für die antiken Griechen besaß – aus dieser höheren ethischen Ideenwelt – die Darstellung des „Erhabenen und Schönen“ Wert an sich.

In der christlichen Religion findet die „Geistes-Kindschaft“ des „Menschensohnes“ aus dem Hauche dieses göttlichen „Weltengeistes“ ihren Einklang mit der himmlischen Welt und die Worte: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn anbeten im Geiste und in der Wahrheit“ verweisen – weit über die Vorstellungen eines nur materialistischen Denkens hinaus reichend – auf eben dieses „Jenseits des Geistes“.

Die Teilhabe an großen Kunstschöpfungen und an der „Geisteskindschaft“ des „Menschensohnes“ mit all ihren segnenden Erfahrungen erscheint wie ein nie endender „Dialog mit der Gnade“, die eine Kunst- und Geisteswelt durch Menschen entstehen lässt und uns gewährt, dieses „Heiligtum geistiger Schöpfungen“ als ein ewiges „Credo“ – so mystisch erhellt – in unserer Seele aufleuchten zu lassen und in diesem selig entsunkenen Anschauen des „Göttlichen“ das Wehen dieses „Weltengeistes“ zu spüren!

Eines Weltengeistes, der immer erneut auch die „Frohe Botschaft“ der Weihnacht zu uns trägt, die uns so viel über die Wahrheit sagt, einer Wahrheit, die uns aus dem „Gruße des Engels“ erreichen will und uns zugleich die Frage beantwortet: „Was der Mensch sei“!

Die Antwort könnte lauten: Er selbst ist ein Geheimnis, hingeordnet zu einer Totalität und dazu erschaffen, in seinen schöpferischen Gestaltungsmöglichkeiten der „Ewigen Liebe“ zu antworten, denn hat sie nicht schon von allem Anbeginn mit uns gesprochen?

Gesprochen in der Sprache einer lichten Gottes-Milde, wie sie Rilke in seinem Gedicht „Geburt Christi“ aufleuchten lässt: „Gott macht sich mild und kommt in dir zur Welt“.

Die „Gott-Milde“ – die uns segnet – möchte man diesen Worten Rilkes hinzufügen.

Im Stall von Bethlehem machte die „Ewige Liebe“ die Nähe dieses Göttlichen fühlbar, der schweigende Hintergrund eines ewigen Weltenklanges:

„Du meines Herzens liebstes Lied,
aus deinem Klange tönt
die „Frohe Botschaft“ eines Engels,
die alle Welt durchzieht.
In „Heiliger Nacht“ kam Frieden aus dem Sternenraume,
der Finsternis und Licht versöhnt.


Der Engel sprach im Glanz der Wahrheit:
„Fürchtet euch nicht,
ihr seid von Gottes Sohn erkoren!“
Das Dunkel schwand –
Die Erde leuchtete so seltsam weit
aus einer großen, wunderbaren Klarheit“!