Vom Glanze widerspiegelnder GestaltenEin imaginäres Gespräch zwischen Johann Wolfgang von Goethe Franz Schubert und Dietrich Fischer-Dieskau

Goethe:

Ist nicht alles Vergängliche in einen größeren Zusammenhang gestellt, der unserem Geiste und unseren Seelenkräften wie ein Gleichnis zuteil wird, vergänglich und unvergänglich zugleich, denn zeigen wir nicht der Welt in unseren Werken wie glücklich die Welt sein kann, eine Vollkommenheit, die einer unendlich höheren Ordnung entspringt, die Platon die „ewigen Ideen“ nannte, das Unsagbare, das außerhalb des menschlichen Erkenntnisbereiches liegt, das Geistige als Sinn und gestaltende Kraft des ganzen materiellen Seins!

Preisen wir die Welt, preisen wir ihre herrlich erfühlte Wirklichkeit, jene Harmonie zwischen dem Geiste des Empfangenden und dem ewig- schöpferischen Weltengeist, der uns umfängt – auch in Leid und Schmerz – der uns trägt zu einem Frieden, wo sich die Ebene des Erkennens mit den Wahrheiten der Metaphysik trifft, dieses Gehalts einer kontemplativen Vollkommenheit, die höher ist als alle Vernunft – doch lebt nicht immer und unvergänglich die Sehnsucht nach jener Vollkommenheit wie ein sanfter Sieg in uns?

„Der du von dem Himmel bist,
alles Leid und Schmerzen stillest,
den der doppelt elend ist, doppelt mit Erquickung füllest.
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
komm ach komm in meine Brust!“

(Goethe/Schubert – Der du von dem Himmel bist – gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau auf YouTube)

Schubert:

Vielleicht offenbart sich die Seele als Kunstentfaltung aus einer erklingenden Poesie des Werdens; die tönende Weltidee als geheimnisvolles Phänomen, aus dem das Sein der Musik hervor geht; an diesem Sein hat die Seele des Künstlers Anteil, denn offenbart sie sich nicht immer wieder selig tönend in seinem Werk?

In Ihrem Gedicht „Wandrers Nachtlied“ spüre ich diese „Wahrheit des Metaphysischen“, offenbart durch die Schönheit einer berückenden Poesie.

Meine Töne sind nur der Widerklang Ihrer geistig erschaffenen, dichterischen Gestalt, es ist jene höhere Wirklichkeit jenseits aller Form – des Wortes oder der Musik – der Atem einer überindividuellen Seelenwirklichkeit, deren Schönheit in „Wort und Ton“ nun unlöslich mit einander verschmolzen sind.

Fischer-Dieskau:

Ja, die Schönheit malt hier einen ewigen Glanz, doch wie begegne ich als Interpret dem Geheimnis einer künstlerischen Schöpfung?

Der nachschöpferisch Empfangende sollte mit dem Prozess des Werdens verschmelzen; Nacherleben ist aktuelles Erleben, es bedeutet das Lebendigmachen eines Kunstwerkes, das Einsinken in seine Daseinsform. „Verstehen und fundiertes Erleben“ erst erfassen den transzendenten Ab-Glanz des Werkes, seine inkarnierte Schönheit, Schönheit für den Menschen zu sein!

Tiefe, Wirkung und Intensität eines Liedes erschließen sich erst in der aus Liebe getragenen, leidenschaftlichen, persönlichen Hingabe, das innere Leben des Kunstwerkes muss – über die Jahrhunderte hinweg – als zweite Gegenwart, als eine gegenwärtige Präsenz im Interpreten und Zuhörer entstehen, nur dann ist ein Nacherleben da, Künstler und Zuhörer müssen diese Kunst-Schöpfung erfühlen, erst dann wird sie Ereignis in unserem Dasein, das sie zu überhöhen und zu verwandeln vermag.

Goethe:

Sehr lieber Dietrich Fischer-Dieskau, Ihr Qualitätsempfinden, das aus allen Ihren Darbietungen leuchtet, Ihr Gesang als höhere Form einer Ton-Sprache, Ihre Kunst, das Unaussprechliche sag- und hörbar zu machen, Ihr tiefes Verstehen dichterischer und musikalischer Werke, die als Intuition und Einfühlung immer aus einer Seelenverwandtschaft zum Schöpfer des Werkes aufstrahlend erklingen, lassen eine „tönende Weltidee“ glaubhaft werden.

Ich sehe und fühle darin den Ausdruck des unermesslichen und unausschöpflichen Weltengeistes.

Es war von Anbeginn mein Bestreben, diese unendliche, Schönheits-erschaffende Vielfältigkeit, ihre aufleuchtende Inkarnation in tausendfachen Gestalten und Verwandlungen zu durchdringen und sie – wachsend und wandelnd in ihren Formen – in ihrem tiefsten Wesen sichtbar zu machen, das Universelle und die Stufen ihrer Rangordnung zu erfassen, sie in meinen Werken zu deuten und sie liebend zu umfangen.

Und lieber Franz Schubert, Ihre „tönende Weltidee“, die uns so „umfangen umfangend“ hinauf hebt zu diesem Schönheits schaffenden Weltengeist: Vollzieht sich Musik als Phänomen dieses alles durchdringenden Weltengeistes nicht jenseits des Bewusstseins als ein Metaphysisches bereits in den Singweisen der Vögel mit ihren Modulierungen und der Seelenhaftigkeit ihres Stimmlautes?

So wären sie – aus dem allerschaffenden Weltengeiste – Vorgänger, aber in ihrem Ursprung Eines mit der intellektuellen Geburt der Musik.

Vielleicht wird in der menschlichen Komposition das „Unzulängliche Ereignis“ eines „Vollendeten“ bereits auf Erden im Schaffen aus der intuitiven Erkenntnis eines harmonischen Weltganzen, das ansonsten der unzulänglichen Vernunfterkenntnis unerreichbar bleibt.

Dann wären musikalische Werke immer auch Gleichnisbilder, das „Ahnen jener großen Harmonie“, von der Schiller spricht.

Fischer-Dieskau:

Spüren wir das „Ahnen jener großen Harmonie“ nicht besonders im Hauche eines wunderzarten Gefühles, wie es so überwältigend aus Ihrem Gedicht weht:

Ein Gleiches

„Über allen Gipfeln ist Ruh’,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.“

(Goethe/Schubert – Über allen Gipfeln ist Ruh’ – gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau auf YouTube)

Ich höre und fühle in diesen Worten das leise „Zauberweben der Stille“, so innig, so zart von der Welt geschieden, dahin der Seele Frieden gleichsam wie in ein Ewiges geht.

Goethe:

Ja, zurück in die wundersame, geheimnisvolle Ruhe der Natur, in ihr liebendes, uns umfangendes Sein!

Lieber Franz Schubert, lieber Dietrich Fischer-Dieskau, Sie haben diese Gedicht-Worte – diesen in die Seele des Menschen wehenden Frieden – in der Komposition wie im Gesang zu Klang werden lassen; der Gesang des Leisen verbindet sich auf’s Zarteste mit der beredten Verschwiegenheit der Stille, der Vergänglichkeit, aufleuchtend aus Ihrer feinfühligen Intuition, so bewegend von rauschenden Wipfeln zu singen, von Mondesnächten, von einsamer Verlorenheit, es ist, als trage der leise Klang die stille „Glückseligkeit der Schöpfung“ in sich – und es bleibt ein Rest, weil sich diese „Glückseligkeit“ nicht in Worte pressen lässt, aber dieser Rest ist das sicherste Kriterium von Kunst.

Fischer-Dieskau:

Welterfahrung durch Kunsterfahrung als geistiges Ereignis!

Die „Vergeistigung als Kunsterfahrung“ entsteigt immer dem Werke des Komponisten, den möglichen Kombinationen aus vorgegebenen zwölf Tönen. Innerhalb dieses Ton-Raumes – und darin werden sie Inkarnationen der „tönenden Weltidee“ – sind sie existentiell, geistig, aufstrahlend, lyrisch-zart, wehmütig-traurig, sie atmen Ordnung und Maß, deuten, führen bis hin zum Rauschhaften.

Als ich die Partie des „Don Giovanni“ sang, seine Lust zu erfassen und darzustellen versuchte, die über alles Maß hinaus geht, die Mozart kompositorisch bis ins Unermessliche steigert – ich dachte dabei zugleich an das gigantengroße Maß Michelangelos – fühlte ich, wie Mozart in diesem rauschhaften Sein die Dualität zwischen Liebe und triumphalen Glücksgefühl aus den Kräften des emotionalen Lebens und seiner Ordnungen zu einer zeitlosen, überindividuellen Wahrheit führt, die sich in seiner Komposition als Kunstentfaltung und in uns als Kunsterfahrung offenbart.

(Mozart – Don Giovanni – Deutsche Oper Berlin 1961 – Dirigent: Ferenc Fricsay – Titelpartie: Dietrich Fischer-Dieskau – zu hören auf YouTube)

In der Oper „Le Nozze di Figaro“ sang ich die Rolle des Grafen Almaviva – ich habe diese Partie oft gesungen, auch zu meinem dreißigjährigen Bühnenjubiläum an der Berliner Oper – und immer bezauberte mich erneut diese Musik voller Lebensfülle, Grazie und Schönheit. Dieser spielerische Geist eines Verliebtseins, der das Werk durchzieht, in der alle Personen in Liebesnöte geraten, voller hinreißender Ironie und zugleich so frisch und lebensecht, das gibt dieser Oper ihre immerwährende Aktualität, darin ähnelnd Shakespeares Stücken, und diese in das allgemein Menschliche überhöhte Kunst verleiht diesen Werken ihre zeitlose Gültigkeit.

(Mozart – Le Nozze di Figaro – Film – Fischer-Dieskau, Güden …, Dir: Lorin Mazel – 1963)

(Mozart – Le Nozze di Figaro)

Und lieber, unendlich verehrter Franz Schubert, als ich Ihre „Winterreise“ sang – und ich habe sie oft und immer mit der gleichen Ergriffenheit gesungen – diese vergängliche Erscheinung des verletzlichen, aus dem Leben ins Nichts taumelnden Wanderburschen, berührte mich immer erneut Ihre künstlerische Leistung, aus dem wunder haften Hauche Ihrer Seele musikalisch eine bleibende Gestalt zu erschaffen.

Wie viele seelische Entwicklungen und Steigerungen einer Empfindungswelt leuchten in diesen Tönen auf, wie viele Nuancen, die schon den tragischen Ausgang verkünden, verschmelzen miteinander, die Selbstentmutigung des Gesellen, der auf endgültige Weise in der kalten, erstarrten Umwelt, die sich in den Tönen malt, seinem letzten Gang entgegen wankt, ohne Umkehr, verschlossen, abweisend, innerlich erstorben an gebrochenem Herzen.

Ihre Musik gewinnt in diesem Seelendrama eine neue Dimension von geradezu „verwundender Tiefe“, ich erfuhr es im Gesang: „Diese Komposition ist eine Sache auf Leben und Tod“ wie Karl Schumann sie nannte.

Es bleibt das Geheimnis Ihrer Inspiration, das unendlich Kostbare erlebbar zu machen – im „kurzen Augenblick des Liedes“ – im zerbrechlichsten Ausdruck, in der Beglückung eines visionären „Frühlingstraumes“, in der Betroffenheit einer todeswunden Verzweifelung, in Tönen Ewiges aufleuchten zu lassen und es gleichsam außerhalb der Grenzen des Zeitlichen im Liede zu bewahren.

(Schubert – Winterreise – musiziert von Dietrich Fischer-Dieskau und Alfred Brendel – zu hören auf YouTube)

Die Symbolik einer musikalischen Ausdruckswelt bestimmt in erhöhter Form auch das Innenleben der Seele, der Liebe, des Todes! Dem Burschen in Schuberts „Schöner Müllerin“ bleibt das Glück einer erfüllten Liebe im Leben versagt; diesen schönsten aller Träume malt Schubert in Tönen aus den Gefühlskräften der Musik und der Seele, die in der Liebesverklärung bis in den Tod führt in dem ihn wie erlösend die Natur liebend umfängt … (… „Und der Himmel da oben wie ist er so weit!“)

(Schubert – Die schöne Müllerin – musiziert von Dietrich Fischer-Dieskau und Christoph Eschenbach)

Goethe:

Der „kurze Augenblick“ – sei es im Liede, sei es in der Stille eines Naturerlebnisses – vermag auch ein „höchster Augenblick“ zu sein, aus dem wir – wie in einer blitzartigen Erkenntnis – in einen anderen Raum hinein zu blicken vermögen – ein heiliges „Stillestehen der Zeit“ – so wie sich vielleicht ein Wunder offenbart; dieser Raum leuchtet zugleich tief innen in uns, ich nenne diese Erscheinung „Glück, Weite, Schönheit, Klang“, ein Klang, den ein chorus mysticus anstimmen müsste, es ist der jenseitige Bereich, aus dem Liebe tönt, jenseits jeder geistigen Realität, ein innerer Klang, der in uns Ereignis werden kann, der uns staunend sagen lässt: „Verweile doch, du bist so schön …“, denn es gibt kein Phänomen, das nicht physisch und metaphysisch zugleich wäre, alle Wirklichkeiten stehen zueinander und miteinander in Verbindung, alle Erscheinungen, auch die der Abstraktionen, sind Wirklichkeiten.

Geist, Natur, Kraft, Materie – auch das Immaterielle als eine den Naturerschaffungen ebenbürtige Erschaffung – stehen miteinander in einem Einklang, unsere ganze Weltkenntnis beruht auf Denkerischem, auf Abstraktionen und wenn die griechische Antike von zwei getrennten Grundbegriffen – „Geist“ und „Natur“ – ausging, scheint mir, dass beide Erscheinungsweisen eine einzige Wirklichkeit sind, man könnte es auch „allerhöchste Kraft“ nennen, denn ist das Wirkliche, die Natur, nicht immer zugleich auch ein geistig-strukturiertes Wirkendes?

Dieses gestaltend-geistige Prinzip in der Natur, das alle Lebewesen „strukturiert“ und befähigt, nach seinem Werdegesetz zu leben, reicht bis in die unbelebte Materie, bis zur Gestaltung des Kristalls, der das Geistige in geometrischer ( An- ) Ordnung in sich trägt.

Und zeigt sich das Transzendente im Sinne des Übernatürlichen nicht vor allem in der „Verwirklichung eines Geistigen in den Gestaltwerdungen der Natur“ bis hinauf zum Menschen, in dem sich das Geistige seiner selbst bewusst wird!

Allein der Mensch ist sich der Einbindung in diese höhere Einheit bewusst und nimmt dadurch erkennend am Werdegang des (Welten-) Geistes teil.

Aus diesem Bewusstsein erwächst sein freier Wille, seine Empfindung einer Unendlichkeit und aus der Verantwortung gegenüber dieser Schöpfung eine ewig gültige Moral.

Fischer-Dieskau:

Wie bewundere ich Ihre erhabenen, preisenden Worte:

Das Göttliche

„Edel sei der Mensch,
hilfreich und gut;
denn das allein
unterscheidet ihn
von allen Wesen,
die wir kennen!“

Es ist die Idee des „Wahren, Schönen Guten“, die Ihre Person zu einem „Lichtdurchstrahlten“ macht, wenn ich das in großer Bewunderung sagen darf.

Ihre schöpferische Ausdruckskraft, die Erscheinungen dieser Welt im „geistigen Bild“ als „Symbol-Gestalt“ zu erfassen, erwachsen aus dem Denken und Durchdringen des innersten Wesens einer Gestalt und führt uns bis zum Verständnis, was das Göttliche sei.

Sie sehen das Beseelt-Naturhafte als Chiffre-Schrift des Göttlichen, als eines uns umgebenden, durchdringenden und fortwirkenden Geheimnisses, das uns aus der Natur nicht nur sichtbar, sondern auch geistig „entgegenblüht“, darin sein tiefstes Wesen offenbarend.

Es weht wie ein symbolhaftes „Glaubensbild an den schöpferischen Weltengeist“ aus Ihren Natur-Gedichten, dieses „Ewig-Eine“, aufleuchtend als poetisch – auferstrahlende Wirklichkeit, im Innersten durchscheinend für das Metaphysische – deshalb berühren uns Ihre Worte: „Über allen Gipfeln ist Ruh’…. so sehr, die leise Wunderweise einer innerlich erklingenden Transzendenz.

Dieses „Innenleben Ihrer Poesie“, verehrter Herr von Goethe, das, lieber Franz Schubert, widerspiegelnd in Ihren Kompositionen so wunder-webend in Tönen leuchtet, war ich bestrebt, in meinem Gesang, als geistig-musikalisches Erleben Ereignis werden zu lassen, ein lobpreisendes Glück in meinem künstlerischen Leben, es so gestaltend-umgestaltend zu erfahren.

Goethe:

Lieber Dietrich Fischer-Dieskau, erst durch Ihre hohe Kunst, hervor gegangen aus dem Geheimnis Ihrer musikalischen Gestaltungen und Ausdruckskraft, dieses sensitiven, magischen Aufschwungs in Ihrer Kunst, habe ich den neuen Klang erfasst, die Tiefe, die Sie uns, verehrter Franz Schubert, mit ihren Kompositionen geschenkt haben. Ich möchte Ihre Musik als ein Liebesbekenntnis zur Welt bezeichnen, das auch das dunkle Reich des Todes zu erfassen vermag.

Ihr Erdenpensum ist staunenswert, in Ihrer seelisch musikalischen Empfindungswelt erblüht gleichsam die Natur, Ihre Musik schwebt wie ein Sonnenglanz über uns, die Einheit von Musik und Welt kommt mit einer Frische und Natürlichkeit daher wie ein lichter Frühlingstag – und gleichsam wie ein großes Gebet steigt Ihre geistliche Musik auf zu Gott!

Als ein immer währendes Geschenk nehme ich Ihre Vertonungen meiner Gedichte an, Gesänge, die meine dichterischen Worte erschließen, eine „lyrische Melodie“, die „Wort und Ton“, bereichernd und durchdringend, zu höherer Einheit führt durch den unerschöpflichen Quell Ihrer melodischen Einfälle, der Totalität und Sinneinheit mit meinem Werke, der innigen Verschmelzung und inneren Affinität zwischen Dichtkunst und Musik; all dies ist nun in ihrer überzeitlichen Schönheit im doppelten Sinne Wert und Wirkung unseres gemeinsamen Werkes geworden, eingesenkt in die harmonische Ordnung einer Transzendenz, die erlösen, ja die heiligen kann, denn ist nicht das Schöne – wie schon Platon es gesehen hat – „das Aufleuchten der göttlichen Ordnung durch die Hülle ihrer Erscheinungen“?

„Wort und Musik“ leuchten gleichsam mit- und ineinander!

Und ist diese Transzendenz nicht im letzten Sinne die tiefste Daseinsform eines Kunstwerkes?

Schubert:

Ja, ich glaube Musik steigt aus der tiefsten metaphysischen Schicht alles Erschaffenen auf im Lichte des Transzendenten; Schein und Wirklichkeit werden eins in der metaphysischen Hinein-Spiegelung eines musikalischen Urbildes in unsere Welt!

Goethe:

Das Unbetretbare aber dennoch Erahnbare, ich fühle dieses zu Klang gewordene „Urbild“ als eine sanfte, überirdische „Spiegelung“ im zweiten Satz Ihres Streichquintetts als Ausdruck eines opus metaphysicum!

(Schubert, Streichquintett in C-Dur D. 956, 2. Satz, Adagio, zu hören auf YouTube)

Fischer-Dieskau:

Das göttlich Reine!

Ja, diese Komposition erklingt auf geheimnisvolle Weise unirdisch, als sei man aus dem erlösten Frieden eines Erdenleides in eine jenseitige Welt erhoben, erlösend, mild und verklärend; Seelisches gerät in Schwingung, als würden uns ganz leise fromme Kräfte umfließen oder sollte man noch leiser, hauchender flüstern: „Wie ein Ewig-Weibliches, das uns hinan zieht“?

Goethe:

Das Mirakel, ich nenne es das geheimnisvolle, innerste Wesen der Welt, man könnte es auch ihre Struktur-Prinzipien nennen, aus denen alles entsteht, auch die Musik; dieses Wesen, diese Prinzipien, gilt es, soweit es Menschengeist vermag, zu erforschen und das Unerforschliche ruhig zu verehren.

Die Griechen erkannten die „harmonia mundi“ als eines der Struktur-Prinzipien der Welt.

Deshalb tönt in der Musik immer auch ein musikalisches Weltganzes mit!

Musik wird als klingendes Welt-Erleben erfahren, es können Einsamkeit oder Glück oder andere Affekte sein, neue Wirklichkeiten entstehen, wir werden entrückt…

Fischer-Dieskau:

Ja, dieses Glück ist immer wieder jung und neu!

Immer wenn ich das wundervolle Lied gesungen habe: „Du holde Kunst, in wie viel grauen Stunden, wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, hast du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden, hast mich in eine bessere Welt entrückt….“, fühlte ich diese Kraft der Entrückung.

Die Töne des Augenblicks verwehten, aber das innere Erklingen bewahrte geheimnisvoll ein Glück des Verstehens, den ganzen seelischen Assoziationsreichtum einer unendlich schönen Bedeutung dieser „Worte und Töne“.

Verstehen und Erleben waren die tiefsten Beglückungen in meinem Kunstschaffen.

Es ist wie mit der Liebe, man versteht im Tiefsten nur, was man liebt!

(Schubert – An die Musik – gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau – zu hören auf YouTube)

Goethe:

Ja, nur so fortwirkend kann Kunst wirklich verstanden werden, denn ist das Erleben eines Kunstwerkes nicht immer eine Begegnung?

Es spricht zu uns über Jahrhunderte hinweg; Verstand und Herz öffnen und begegnen sich auf einer zeitlosen Ebene, Kunst spricht zu uns als ein „ewiges Gleichnis“ – fortwehend im schweigenden Glanze ihres Nachhalls.

Schubert:

Ein Schönheitserlebnis vermag es, uns in ein anderes, verändertes Sein hinan zu heben. In einem schöpferischen Menschen verwandelt es sich in Inspiration, in Klang, den inneren Klang, doch manchmal auch in ein „Lächeln unter Tränen“; es kommt auf die Bedeutung, die Ausstrahlung des Seins an, es kommt darauf an, dies alles, geistige, emotionale, naturhafte Kräfte in eine große Einheit zu binden, denn gilt es nicht vor allem, aus einer erleuchtenden Intuition Verkünder im Widerhalle einer metaphysischen Melodie zu sein?

(Schubert – Notturno für Klaviertrio Es-Dur – op. posth. 148/D 897)

Gedanken zum Imaginären Gespräch

Gespräche sind das Wechselspiel eines gegenseitigen Verstehens und Erfassens, das selbst ein Mysterium ist.

Es gibt vollendete Meisterwerke literarischer Gespräche, gleichsam geschliffene Diamanten des Wortes, die in ihrer beziehungsvollen Substanz und in ihrer Unmittelbarkeit Geist und Herz der Nachwelt bewegen.

Anschauung und Erkenntnis vermag auch ein Imaginäres Gespräch zu vermitteln, durch Erfindungskraft tief innerer Verbindungen und Beziehungen von zwei oder mehreren Menschen zu erdichten, zu erfühlen, ihnen Leben einzuhauchen.

Nicht nur das Wirkliche, sondern auch das Traumhaft-Visionäre vermag es, gesteigerte Erkenntnis und Gefühlseindrücke zu vermitteln, das Wahrhaftige, das Verschwiegene aufzudecken, ein wehmütiges Lächeln in der Traurigkeit zu erkennen.

In Imaginären Gesprächen, die Joachim Kaiser führte – niedergelegt in seinem Buch „Vieles ist auf Erden zu tun“ – erwachen gleichsam aus lebendigem Geiste Worte großer Gestalten wie Beethoven, Nietzsche, Matthias Claudius u.a. suggestiv Geschehnisse und komplizierte seelische Vorgänge widerspiegelnd, die bei aller Zeitenferne einen entschlüsselten zeitlosen Symbolwert in sich tragen.

Auch der in den 1920-er Jahren für den Literaturnobelpreis vorgeschlagene Schriftsteller Paul Ernst verfasste „Erdachte Gespräche“ über Sokrates und Aspasia, über Buddha und einen Armen, über Leonardo da Vinci und seinen Vater, über ein „Unbekanntes Gespräch Goethes mit Eckermann“ u.a.

Feinsinnig empfundene Gleichnisse des Irdischen, des Leidens des Genius, der spirituellen Kraft des Geistes nehmen den Leser noch über Jahrtausende hinweg gefangen.

Diese geist- und seelenbewegenden Gespräche waren Anlass und Ansporn, ein Imaginäres Gespräch zwischen Johann Wolfgang von Goethe, Franz Schubert und Dietrich Fischer-Dieskau zu verfassen.