Weihnachts-GeschichteDie Weihnachtsfreude des kleinen Felix
„Es hatte in den letzten Tagen viel geschneit und der weiche Schnee hüllte das Land ein. Alles wirkte plötzlich lautloser, so als lausche die Erde zum Himmel empor, der ihr die weiße Pracht beschert hatte.
Am 24. Dezember jedoch erglänzte die Sonne über den Schnee, als wolle der Himmel der Erde einen heiligen Glanz spenden und auf Busch und Baum funkelten Reif und Silberstern gleichsam in festlichem Glanze.
Der Vater hatte mit seinem Sohn, dem kleinen Felix, schon am Tage vor dem Heiligen Abend einen großen Schneemann im Garten hinter dem Hause gebaut und der kleine Felix hüpfte vor Freude um den Schneemann herum, als ihm der Vater den alten, schwarzen Zylinder aufsetzte, der noch vom Großvater stammte und der – ein wenig verstaubt – aus der Bodenkammer geholt worden war und nun ganz stolz das Haupt des Schneemannes zierte.
Die Mutter hatte in den letzten Tagen die Zimmer mit Tannengrün geschmückt und Plätzchen gebacken und der Duft – Weihnachtsduft – drang verlockend durch das ganze Haus bis hinaus zum Schneemann.
Und immer wieder erweckte dieser Weihnachtsduft erneut die Erinnerungen der Mutter an ihre eigenen Kinderweihnachten, die sie in ihrer geheimniserfüllten und erwartungsvollen Freude an die „Weihnacht bei Theodor Storm“ erinnerte und seine Worte: „Von drauß’ vom Walde komm’ ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr …“ hatte sie einst als Weihnachtsgedicht aufgesagt.
Aber noch an ein anderes Gedicht erinnerte sie sich, das ihr Vater, Organist am „Hohen Dom“ der Stadt, einst nach dem Hochamt in der Heiligen Nacht, geschrieben hatte.
Sie war an seiner Hand mit ihm zum Dom gewandert und hatte die Sterne bewundert, die so hell am Himmel glitzerten, und der Vater hatte ihr gesagt, dass in dieser Nacht der Himmel sich öffne und der Engel immer erneut die Worte spräche: „Siehe, ich verkündige euch eine große Freude!“
„Der Weihnachts-Engel kommt in dieser Nacht aus dem mystischen Geheimnis der Heiligen Nacht zu den Menschen wie ein wundersamer Ruf des Himmels. In der Geburt im Stall von Bethlehem erfahren wir diesen Ruf immer erneut wie eine Erleuchtung, wir feiern sie in der Weihnacht mit freudigem Herzen. Jede Geburt eines Kindes lebt zugleich aus dem Glück dieser geheimnisvollen, doch für uns unzugänglichen Tiefe, die Maria einst die Frage stellen ließ: „Was ist das für ein Gruß?
„Ja, wir sind in diesem Geheimnis geborgen!“ hatte der Vater gesagt. „Die Weihnacht freut sich auf dich, die „Ewige Liebe“ freut sich auf dich, denn spricht sie nicht immer wieder in jeder Geburt eines Kindes zu uns!
Die Mutter hatte diese Worte damals noch gar nicht verstanden, aber sie erinnerte sich an das Gedicht ihres Vaters noch Wort für Wort, das er in jener Heiligen Nacht für sie gesprochen hatte und leise sprach sie es erneut in ihrem Herzen:
schenkte ein Wunder: „Göttliches Erwachen“.
In die unendlichen Nächte trat jene Nacht!
Nie ist wirklicher das Unvergängliche über alle Zeit gereift.
Fern der Ewigkeit geschah das Übergroße schon auf Erden.
Ein Engel Gottes sprach die Worte:
„Friede soll den Menschen werden“!
Und nun, als die Mutter den kleinen Felix so froh und lebendig – wunderhaft um den Schneemann tanzen sah, verstand und fühlte sie, dass das „Übergroße“ des „göttlichen Erwachens“ in jedem Kinde immer wieder neu geboren wird und das den Menschen in der Huldigung vor der Krippe zugleich dieses ewige Geheimnis zuteil wird.
Doch nun war der Tag des Heiligen Abends herangekommen, und der Weihnachtsbaum sollte aufgestellt werden.
Die Eltern hatten sich dafür etwas Besonderes ausgedacht. In ihrem Garten wuchs ein kleines Tannenbäumchen, das hatte Felix in sein Herz geschlossen und da er Andersens Märchen „Der Tannenbaum“ kannte und sich immer wieder darüber freute, wie der Tannenbaum – festlich geschmückt als Weihnachtsbaum erstrahlend – sein höchstes Glück erlebte, hatten die Eltern das von Felix so geliebte Bäumchen auserwählt, um diesen „Weihnachtstraum“ erstehen zu lassen für Felix und für den kleinen Tannenbaum.
Das Bäumchen wurde vom Vater heimlich – damit Felix es nicht bemerkte – aus dem Garten geholt, im Weihnachtszimmer aufgestellt und geschmückt, während die Mutter dem kleinen Felix das Märchen von Andersens „Tannenbaum“ vorlas, über das er sich immer wieder erneut freute.
Der Vater hatte das Bäumchen bald geschmückt, denn da es so klein war, passten nur einige Kugeln daran, ein wenig Lametta, und nur das stärkste der Zweiglein konnte gerade ein einziges Lichtlein tragen.
Etwas beschämt stand der Vater vor dem Bäumchen, das mit dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum in „Andersens Märchen“ nun doch nicht viel Ähnlichkeit hatte, aber mittlerweile war es dunkel geworden und der Heilige Abend war herangekommen. Das Lichtlein am Baum wurde angezündet, das Weihnachtsglöckchen ertönte, die Tür zum Weihnachtszimmer tat sich auf, und an der Hand seiner Mutter trat der kleine Felix ins Zimmer.
Wie angewurzelt blieb er stehen und blickte stumm auf das Bäumchen, doch dann, ganz leise und zart – umfangen wie von einem Traum – weitete sich seine kleine Brust, sein Atem hob sich und seine Hände streckte er dem Bäumchen entgegen in kinderfroher Seligkeit.
Die Eltern erlebten bewegt diese verströmende Geste ihres Kindes und es war, als strecke auch das Bäumchen seinen Zweig dem kleinen Felix entgegen, als könne es – wie in Andersens Märchen – widerstrahlend das Glück aus den leuchtenden Augen des kleinen Felix fühlen, der – wie entrückt – so glückselig vor dem kleinen Tannenbaum mit seinem einzigen Lichtlein stand – und der Mutter wurde bewusst, dass nicht der Glanz eines reich geschmückten Baumes den wahren Weihnachtsglanz spendet, sondern dieser Glanz in der Freude lebt, der vollkommenen Freude, aus der das Weihnachtswunder strahlt, eine Freude, wie sie so wunderbar und natürlich auflebte in ihrem Kinde und es war, als umwehe der Atem des Himmels auch sie und aus dem Andrang ihres Herzens – als spüre sie den Atem des Walters eines ewigen Glückes – dachte die Mutter an die Worte Jesu, die sich nun ganz leise von ihren Lippen lösten: „Und wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“!
Der Vater hatte die leise gesprochenen Worte dennoch gehört. Er zog die Mutter und den kleinen Felix zugleich in seine Arme, und aus dem Glück, das in seiner Seele strahlte, formten sich wie von selbst die Worte: „Und hätten der Liebe nicht …“!